"Bitter – bitter!" Am Abend der Preisverleihung dieser Berlinale sah sich der österreichische Schauspieler Georg Friedrich außerstande, seine Gefühle in eigene Worte zu fassen, sodass er zu denen eines Dichters griff. Der Amerikaner Stephen Crane beschreibt in seinem Kurzgedicht In the Desert eine Kreatur, nackt, tierisch, die ihr Herz in den Händen hält und davon isst. Das lyrische Ich fragt die Kreatur, ob es gut sei. Die Kreatur am Boden antwortet: It is bitter – bitter // But I like it // because it is bitter, // and because it is my heart.

Friedrich hatte da eben den Silbernen Bären als bester Darsteller bekommen für seine Rolle als Vater in Helle Nächte unter der Regie von Thomas Arslan. Der Film war in der Kritik durchgefallen. Nicht wegen Friedrich und auch nicht wegen der Leistung seines Co-Darstellers Tristan Göbel in der Rolle des jugendlichen Sohnes. Dem Film mangelt es leider an Präzision im Drehbuch und in der Regie. Spiegel Online bezeichnete ihn gar als "Streckbank", wegen der Längen, die er dem Zuschauer zumutet.

Das Existenzielle ist dem Beliebigen gewichen

Der Film beschreibt das Nichtverhältnis eines Vaters zu seinem Sohn, der seit Langem getrennt von ihm lebt, und die Unfähigkeit beider, das zu ändern. Helle Nächte könnte eigentlich ein Paradebeispiel für eine Arbeit der Berliner Schule sein: Die Problemstellung wirkt wie unmittelbar aus dem Leben gegriffen, weder erfährt der Zuschauer allzu viel über die Hintergründe der beiden Figuren, noch läuft der Film auf ein klares Ende zu. Wie die sehr lange Fahrt der Kamera über einen norwegischen Fjell endet der Film im Unbestimmten, Nebligen. Und auch die sehr spärlichen Dialoge der beiden Protagonisten führen nirgendwohin.

Doch der Mangel an äußerer Dramatik ist nicht das Problem von Helle Nächte. Auch Arslans Berlin-Trilogie bestand aus strengen, stillen Filmen, die sich um existenzielle Fragen drehten, ohne dass es viel Handlung bedurft hätte. Aber sie waren schön und exakt. In Helle Nächte hingegen bleibt ein Auto ohne Benzin liegen, obwohl die Straße an dieser Stelle noch abschüssig ist. Und vier Jugendliche schlagen ihr Lager am wirklich menschenleeren Ufer eines nordnorwegischen Sees ausgerechnet wenige Schritte von dem Zelt auf, das sich Vater und Sohn teilen. Egal wie lange man sich über solche Szenen den Kopf zerbricht unter der wohlwollenden Annahme, dass Arslan damit etwas ausdrücken wollte: Das Existenzielle ist dem Beliebigen gewichen. Es lässt einen ratlos zurück.

Helle Nächte lief genau zur Hälfte des Festivals, am fünften Wettbewerbstag. Das bedeutete fünf weitere Tage, in denen die Filmcrew um Arslan wahrscheinlich irgendwann überhaupt nicht mehr in die Zeitungen oder ins Netz geschaut hat. Wie entsetzlich deprimierend muss es sein, wenn man nach Jahren der gemeinsamen Arbeit kaum jemanden mit seinem Film erreicht? Friedrichs "Bitter – bitter" hat es vermutlich getroffen.

Kaurismäki stopft den Bären achtlos in die Tasche

Sichtlich wenig erfreut über den Silbernen Bären, der ihm verliehen wurde, war der finnische Regisseur Aki Kaurismäki. Das Gemunkel, dass ihm wohl mit seiner hoffnungsvollen Flüchtlingstragikomödie Die andere Seite der Hoffnung der Goldene sicher sein müsste, erwies sich am Ende als genau das: als Gemunkel. Kaurismäki gab dann also den Kauz und bemühte sich nicht einmal auf die Bühne, um den Preis entgegenzunehmen. Die Moderatorin Anke Engelke trug ihn ihm schließlich zu seinem Platz, wo der Filmemacher lediglich versuchte, das Ding in seine Jacketttasche zu stopfen. "Thank you", war alles, was er dazu sagen mochte.

Nein, an diesem Abend wollte keine Feierlaune aufkommen. Allen war wohl bewusst, dass dies ein höchstens mittelmäßiger Wettbewerb gewesen war. Selbst Engelke, die sonst zuverlässig noch in trostloseste Veranstaltungen Schwung bringt, überließ das am Samstagabend ihrem Kleid, das irgendwie nach Ganzkörperbaströckchen aussah, und schien die Sache nur schnell hinter sich bringen zu wollen. Kaurismäki verabschiedete sie mit einem knappen "Jeder, wie er will".

Die Rumänin Dana Bunescu wollte auch nicht so recht. Als ihr der Silberne Bär für den herausragenden Schnitt des Liebesdramas Ana, mon amour verliehen wurde, kam sie zwar auf die Bühne, schüttelte aber nur abwiegelnd den Kopf, als ihr das Mikrofon angeboten wurde, um eine Dankesrede zu halten. Dass Preisträger so überrumpelt wirken, kommt nur noch sehr selten vor. Es war ein kurzer, rührender Moment. Der einzige.