Es liegt eine gewisse Genugtuung darin, schönen, ultrareichen Menschen dabei zuzusehen, wie sie mit den Banalitäten des Alltags kämpfen. Ach ja, die sind ja auch nur Menschen. Der Sex mit dem Partner ist nicht heiß genug. Die Kinder nerven. Schlimm, schlimm. Die wenigsten von uns haben ein millionenschweres Haus am Strand und Zeit und Muße, von ihrer Veranda aufs Meer zu starren; aber wer hat nicht schon einmal so getan, als sei das eigene Leben perfekt – in der Hoffnung, dass es wahr wird? 

Die Protagonisten der neuen, starbesetzten HBO-Miniserie Big Little Lies erzählen ihren Mitmenschen und sich selbst jeden Tag kleine und große Lügen, um ihr Leben zu rechtfertigen. David E. Kelley, der Drehbuchautor und Schöpfer von Ally McBeal, hat den gleichnamigen Bestseller von Liane Moriarty von der Ostküste Australiens in den Norden Kaliforniens versetzt. An eine malerische Küstenstadt, nicht unweit des Silicon Valley. Hier ist die Heimat der großen geheuchelten Lächeln und der passiv-aggressiven Nettigkeit. Eine Grundschule wird hier zum Kriegsschauplatz von Supermüttern. Wehe der Frau, die Nilpferd Harry, das offizielle Klassenmaskottchen, verliert.

Reese Witherspoon, Nicole Kidman, Laura Dern, Shailene Woodley und Zoë Kravitz spielen eine frustrierte Alpha-Mama, eine misshandelte Hausfrau, eine machthungrige Geschäftsfrau, eine alleinstehende Mutter und eine New-Age-Yogalehrerin. Ihre Kinder besuchen die erste Klasse; ein Fall von hässlichem Mobbing wird schließlich zu einem Mord führen. 

Ausflüchte für die blauen Flecken

In den sechs Episoden, die für Kritiker freigegeben wurden, erhält man keinen Anhaltspunkt darüber, wer gestorben ist und wer dafür verantwortlich sein könnte. Wie ein klassisches Whodunit arbeitet die Serie mit Andeutungen, die je nach Kontext entweder Rück- oder Vorausblenden, manchmal auch nur Fantasien sind. Zeugenaussagen bei der Polizei werden eingeblendet. "Es waren nicht nur die Mütter, es waren auch die Väter", sagt einer. "Ich glaube, Frauen sind chemisch nicht im Stande zu vergeben", ein anderer. 

Jean-Marc Vallée (Wild) hat die siebenteilige Serie inszeniert und leider ist ihm damit weder eine Sozialstudie noch ein gesellschaftskritischer Thriller geglückt – Big Little Lies ist ein seifiges Melodram geworden. Am ehesten überzeugt die Serie noch, wenn sie die Schattenseiten ihrer Protagonistinnen entblößt. Celeste etwa, gespielt von Kidman, hat gelernt, mit den Misshandlungen ihres Ehemanns zu leben. Wenn sie bei ihrem Psychologen sitzt, findet sie immer Ausflüchte für ihre blauen Flecken. Eine bisschen Gewalt ist doch ein Schnäppchenpreis für ein Leben, das sonst einfach zu perfekt wäre.

Brutale Ehe: Alexander Skarsgård und Nicole Kidman © 2016 Home Box Office

Es ist im Grunde nichts einzuwenden gegen ein optisch tadelloses Melodram mit schönen Menschen. In Big Little Lies gibt es viel von allem: Ozeanschaum, Gefühlsschmerz, Kaffeeklatsch, Sex unter der Dusche und ein Mord auf einer Elvis-Presley-Audrey-Hepburn-Kostümparty. Ein bisschen gute alte Weltflucht ist, vor allem in Zeiten wie diesen, eine willkommene Sache. Doch wer ein wenig mehr erwartet als eine High-End-Seifenoper, sollte lieber zur Konkurrenz gehen. The Affair hat auch viel Meeresrauschen und einen Mord zu bieten, aber die Showtime-Serie erzählt so viel schöner und dramaturgisch spannender von den kleinen und großen Grausamkeiten, die wir den Menschen antun, die wir lieben.

Big Little Lies ist ein weiteres Beispiel für die kreative Krise, in der HBO seit einigen Jahren steckt. Der Bezahlsender hat Serien wie Oz, die Sopranos, Sex and the City und The Wire ermöglicht und ist zu einem großen Teil verantwortlich für das Spitzenfernsehen, das wir heute sehen. Doch seit dem Start von Game of Thrones im Jahr 2011 sind die wegweisenden Dramaserien rar geworden, True Detective war ein Volltreffer, endete aber unrühmlich nach einer erfolglosen zweiten Staffel.

HBO verbrennt Millionen mit Projekten, die nicht fertiggestellt werden

Anfang letzten Jahres verließ dann Michael Ellenberg, der Leiter der Dramaabteilung, den Sender, angeblich freiwillig. Ein paar Monate später ging der Programmchef Michael Lombardo nach 33 Jahren, in denen er den Sender zu einer weltbekannten Marke gemacht hatte. Den Flop von Martin Scorseses 100-Millionen-Dollar-Produktion Vinyl, die nach der ersten Staffel im April 2006 abgesetzt worden war, sahen viele Kritiker als endgültigen Beweis für die Fehleinschätzungen des Senders in der Dramasparte. Im vergangenen Jahr bewiesen lediglich Jude Laws Trump-artiger Young Pope, vor allem aber die Miniserie The Night Of über einen amerikanischen Muslim pakistanischer Abstammung, der beschuldigt wird, ein weißes, reiches Mädchen abgeschlachtet zu haben, dass HBO noch in der Lage war, etwas Kraftvolles und Echtes zu liefern.

 "Die größten Probleme waren aber nicht Serien, die floppten, sondern diejenigen, die nie das Licht der Welt erblickten", schreibt das Branchenblatt IndieWire. HBO verbrenne Millionen von Dollar mit Projekten, die nicht fertiggestellt würden. So kehrte etwa David Fincher, der Regisseur der ersten Staffel von House of Cards, mit Mindhunter, einer Serie, die einst in der Entwicklung bei HBO war, zu Netflix zurück.