Ich bin Dirk, 38 Jahre alt, wohne in Berlin. Und ich schreibe jetzt hier diesen Text.

Das ist der erste Eindruck, den Sie von mir haben. Entscheiden Sie nun, ob ich weiterschreiben soll oder nicht. Vielleicht denken Sie bereits: "Wie langweilig ist er wirklich?" Und wollen mir am liebsten sagen: "Du hattest es nicht leicht in deiner Kindheit, aber du hast auch nicht viel draus gemacht." Bin ich "ein interessanter Vogel, bei dem man gern mal hinter die Kulissen schauen möchte" oder doch nur "ein schräger Waschlappen, bei dem gar nichts rüberkommt"?

Dies sind allesamt Urteile, die im neuen ZDFneo-Format Bist Du 50.000,- wert? fallen. Sie gelten den Kandidaten, die sich zu Anfang, so wie ich eben, in einer zehnsekündigen Selbstbeschreibung haben vorstellen müssen. Einer, Maik mit Namen, scheidet gleich danach aus. Er sei "ein Muttersöhnchen", befindet die Jury, "ein eingeweichtes Brötchen". Weg mit ihm.

"Einfach nur sie selbst sein"

Der arme Maik. Aber ein bisschen Schwund ist immer, nicht wahr? Höhöhö. Da geht es hin, das "Muttersöhnchen", keine 50.000,- wert. Doch für tröstende Worte bleibt keine Zeit. Denn wie ich sehe, habe ich Sie neugierig gemacht, sonst wären Sie ja nicht hier, im vierten Absatz. Danke für Ihr Interesse. Dann kann ich ja weitermachen beziehungsweise "durchstarten", um im ZDFneo-Jargon zu sprechen. Was ich Ihnen nun mitteilen möchte, ist Folgendes: Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine derart verkommene Sendung gesehen wie diese. Sie ekelt mich an.

Der Ablauf in Kürze: In einem Studio sitzen fünf sogenannte Juroren, ihnen werden Filmchen von sechs Kandidaten vorgespielt, in denen diese immer mehr von sich preisgeben: Sorgen und Hoffnungen, Schicksalsschläge und die Routinen ihres Alltags. Sie müssen, anders als in den einschlägigen Talentshows, nicht mit einem Liedchen oder Tänzchen reüssieren, sondern "einfach nur sie selbst sein", wie es heißt. Nach jeder Runde wählt die Jury per einfacher Mehrheit einen Kandidaten raus beziehungsweise entscheidet, so der Moderator, "wer nicht 50.000,- wert ist". Wer am Ende übrig bleibt, darf das Geld mit nach Hause nehmen.

"Begeistere mich!", befiehlt die Jurorin

Nun haben die Produzenten Menschen gefunden, die 50.000,- aus verschiedenen Gründen ganz gut gebrauchen können: Den einen drücken Verbindlichkeiten, der andere will seine Fortbildung finanzieren, ein Dritter hat ein teures Hobby, dies und jenes. Menschen zudem, die sich nicht zu schade sind, für 50.000,- ihren Wert als Person auf eben diese Summe taxieren zu lassen. Die bereit sind, sich von Fremden und vor Publikum beurteilen zu lassen. Nicht irgendein Talent, das sie besitzen, sondern tatsächlich: sich.

Und so stehen sie da, die Kandidaten, nach jeder Runde, in der sie ihr Wesen gehäutet haben wie eine Zwiebel, vor der sie begaffenden Jury, Angeklagten gleich, in ihren feinsten Klamotten, sie waren eigens noch mal beim Friseur, nervös trippeln sie von einem Fuß auf den anderen, sie wissen nicht, wohin mit ihren Händen, und ihre gesamte Existenz schnurrt auf die Frage zusammen: Bin ich es wert? "Begeistere mich!", befiehlt eine gouvernantenhafte Jurorin, die als Beruf "Personalcoach" angibt, in der finalen Interviewrunde der jungen Kandidatin Yurika. Die entgegnet, dass sie gern Skateboard fahre, aber nicht die Bordsteine hochkomme, das sei ihr dann doch zu gefährlich. Die Jurorin macht sich Notizen. Ob nun auf ihrem Zettel "Kommt nicht den Bordstein hoch" steht? So müssen Vorstellungsgespräche beim Teufel verlaufen.

Ein Gemetzel vor laufenden Kameras

Wer es zugelassen hat, dass dieses wahnwitzige Potpourri aus Assessment-Center, Milgram-Experiment und Heidi Klums sadistischen Fantasien an die Öffentlichkeit gerät, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass meine Hoffnung, einer der Kandidaten würde sich die Maske vom Gesicht reißen und sich als Günter Wallraff offenbaren, der die miesen Methoden der Casting-Industrie anprangert, jäh zerbrochen ist. Auch um eine TV-Satire des wiederauferstandenen Wolfgang Menge handelt es sich leider nicht, dazu ist diese Sendung zu schlecht. Sie hat keine zweite Ebene. Sie ist genau das, was sie von ihren Kandidaten verlangt: einfach nur sie selbst. Sie ist ein Arschloch.

Kandidat Heiko immerhin scheint keines zu sein. Er ist ein einfacher Mann mit einfachen Werten, hat seine Kindheit im Heim und seine Jugend im Knast verbracht, so erzählt er in seinen Filmchen, nun wohnt er mit Hund und Katze in der Eifel und träumt von Geld, mit dem er seine Schulden abbezahlen kann. Das hat ihn dazu verleitet, ermitteln zu lassen, ob er 50.000,- wert ist. Doch eben dies spricht ihm die Jury ab, nachdem ihn ein sogenannter Lockvogel vor versteckter Kamera mit viel Mühe zu einer homophoben Äußerung gereizt hat. Er sei ein Prolet, lautet das Urteil hinterher, "das geht gar nicht", befindet eine Jurorin, die, wie sie sagt, als Messehostess große Menschenkenntnis besitzt. In der letzten Einstellung steht Heiko, ein gegen die Beschissenheit des Lebens hart gepanzerter Mann, am Studioausgang und weint, ohne es zu wissen.

Militante Servicefreundlichkeit

In der Jury sitzen Zeitgenossen, deren kalte Lust, mit der sie die Kandidaten aussortieren, mich an unbehauste Kinder erinnert, die aus purer Langeweile auf dem Spielplatz Schwächere quälen. Ihr Versuch, diese Lust hinter militanter Servicefreundlichkeit zu verstecken ("Daaanke dir!" - "Tuuut mir leid!" - "Alles, alles Guuute!"), macht das Ganze noch unerträglicher. Der Moderator Jochen Schropp befindet sich offenbar in einem Dauerzustand trancehaften Aufsagens von schwachsinnigen Einzeilern, die ihm berufsmüde Redakteure auf die Karteikarten geschrieben haben, und kann deshalb gar nicht überreißen, wofür er sein hübsches Gesicht hergibt. Und der Diplom-Psychologin, die diesem "Show-Experiment" eine Anmutung von Wissenschaftlichkeit verleihen soll, traue ich jederzeit zu, dass sie mit ihrer Zunge ein Insekt fängt.

In all meiner Abscheu empfinde ich dennoch Mitleid mit ihnen, den Juroren, dem Moderator, der Diplom-Psychologin, dem Lockvogel, selbst noch mit den Redakteuren und Produzenten dieses Machwerks. Sie sind ja auch "einfach nur sie selbst", und das ist das schwerste Bündel, das ein Mensch zu tragen hat. Wie mag es sich anfühlen, auf einer Party gefragt zu werden, was man beruflich mache, und man muss antworten, man habe sich die Sendung Bist Du 50.000,- wert? ausgedacht? Eine Sendung mithin, in der die Jury eine Kandidatin namens Tanja, die im Nebenberuf Sexspielzeug verkauft, mit der Begründung eine Runde weiterkommen lässt: "Der Dildo hat es rausgerissen."

Die Rache aller an allen

Es handelt sich jedoch um wesentlich mehr als eine Geschmacklosigkeit. Es ist ein Gemetzel vor laufenden Kameras, die Beteiligten erschlagen einander mit den Höflichkeitsfloskeln der Dienstleistungsgesellschaft, es ist die Rache aller an allen. Die kleinen Leute in der Jury rächen sich an den noch kleineren Leuten im Teilnehmerfeld, sie rächen sich für all die Ablehnungen, für jedes "Du bist es nicht wert", dass sie je gehört haben. Die Redakteure wiederum rächen sich an den Juroren dafür, dass sie keiner seriösen Arbeit nachgehen können, und die Produzenten rächen sich einfach von oben nach unten durch. Dass diese Rache ausnahmslos die Falschen trifft, ist eine Metapher für vieles um uns herum.

Auch hier reicht, wie überall, ein jeder einfach den Hass weiter, den Frust, die Angst, den Druck, der auf ihm lastet. Bist Du 50.000,- wert? – diese Frage trifft, wenn auch auf dümmliche Weise unabsichtlich, die Degradierung des Menschen zum Humankapital, zur nur noch ökonomisch interessanten Größe. Dass diese Degradierung uns als Unterhaltung vorgesetzt wird, dass wir also über uns selbst lachen sollen, während wir den Bach runtergehen, ist allerdings ekelerregend. 

"Bist Du 50.000,- wert?" läuft ab 25. Februar ab 22 Uhr auf ZDFneo