Das Urbild dieses virtuos verstörenden Films ist möglicherweise eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie: Da steht ein Mädchen, etwa neun oder zehn Jahre alt, halb bekleidet und mit leerem Blick vor einem Haufen von verbranntem, undefinierbarem Kram. Das Foto war seinerzeit in allen Zeitungen abgebildet; 40 Jahre ist das nun her. Das Mädchen ist die kleine Michèle. Ihr Vater hat soeben in einem unerklärlichen Blutrausch 27 Menschen getötet. Anschließend kam er nach Hause und bat seine Tochter, ihm bei der Verbrennung der gesamten Einrichtung zu helfen – bis die Polizei eintraf. Die Medien spekulierten: War das Mädchen Mitwisserin? Mittäterin gar?

40 Jahre später, gerade wurde wieder einmal ein Dokumentarfilm über das grausame Verbrechen ausgestrahlt, kippt eine Frau der mittlerweile 50-jährigen Michèle ein Tablett mit Essensresten über die Kleidung. "Ihr seid Dreck, dein Vater und du", zischt sie im Vorübergehen. Michèles Gesicht bleibt nahezu unbewegt. Das ist eine der Fragen, eine der wichtigsten, die Elle auf höchst elegante Weise erkundet: Wie richtet man sich nach einer Katastrophe in einem Leben ein? Wie richtet man sich in sich selbst ein und wie begegnet man seiner Umwelt? Im Fall von Michèle lautet die Antwort: Resilienz. Oder ist das schon eine milde Variante des Asperger-Syndroms? Die brillante Treffsicherheit, mit der Michèle die Anfechtungen, die an sie herangetragen werden, pariert, sucht jedenfalls ihresgleichen. Das ist erschreckend und das ist szenenweise hochkomisch, und zwar keineswegs unfreiwillig.

Um diesen Grenzgang zwischen diamantener Härte und nahezu regungslosem Humor darzustellen, bedarf es einer Meisterin. Das ist Isabelle Huppert, in jeder Hinsicht. Zunächst einmal ist sie eine sehr schöne Frau. Ihre Rolle ist knapp 15 Jahre jünger als ihr biologisches Alter. Das fällt nicht im Geringsten auf. Sie ist beherrscht und gleichzeitig ungemein vieldeutig in ihrer Mimik. Sie hat in jeder Szene eine geradezu einschüchternde Präsenz, selbst wenn sie nur am Rande des Esstisches sitzt und mit stoischem Gesicht beobachtet, wie die streng religiöse Nachbarin das Tischgebet spricht, und man sofort weiß, was sie davon hält. Der Regisseur Paul Verhoeven hat eine Schwäche für diese Gattung kalter, starker Frauen, siehe Basic Instinct. In Elle dreht er das Rad nun noch ein Stück weiter.

Blut an der Wasseroberfläche

Im Grunde ist Elle eine Zumutung; krasser Stoff, dem Verhoeven in feiner Bösartigkeit streckenweise sogar das Gewand der beschwingten französischen Gesellschaftskomödie umhängt, mit allen dazu gehörigen Charakteren: Die leicht lächerlichen Nachbarn, die aus dem Ruder gelaufene Familie. Nur dass in diesem Fall hinter alldem ein schwarzer Horizont aufscheint. Denn Elle beginnt mit einer Szene, die sich so oder in Varianten als Leitmotiv durch den Film ziehen wird: Ein schwarz maskierter Mann stürmt durch die Terrassentür von Michèles Haus, vergewaltigt sie und verschwindet wieder. Ganz schnell geht das. Nur die Katze ist Zeuge. Hinterher fegt Michèle mit starrem Gesicht die Scherben zusammen; beim anschließenden Bad schwimmt Blut an der Wasseroberfläche. Irgendwann erzählt sie beim Abendessen ihren Freunden davon. Ob sie bei der Polizei gewesen sei? Nein, antwortet Michèle, was sie da solle. Mit denen wolle sie nie mehr etwas zu tun haben. Kurz darauf wird Champagner serviert.

Kino - "Elle" (Trailer) © Foto: 2016 SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion, France 2 Cinéma & Entre Chien et Loup

Wie ein Rasiermesser geht diese Frau durch ihr Leben und ihren Beruf. Sie ist eine erfolgreiche Unternehmerin; ihre Firma entwickelt Games für Spielkonsolen. In ihrer eingeschränkten Empathiefähigkeit kennt Michèle keine Rücksichten: Mit Robert (Christian Berkel), dem Ehemann ihrer besten Freundin Anna (Anne Consigny) hat sie ein Verhältnis; hauptsächlich deswegen, weil sie dessen Dummheit so sehr schätzt. Ihren Sohn Vincent (Jonas Bloquet), ein larmoyantes Weichei allererster Güte, kann Michèle nicht aus den Fängen seiner berechnenden Freundin Josie (Alice Isaaz) befreien; und ihre naturgemäß hochgradig verdrehte Mutter Irène (Judith Magre) behandelt Michèle mit kaltherziger Geringschätzung. Im Übrigen: Die Geburt des Enkelkindes mitsamt den damit verbundenen anschließenden Verwirrungen ist eines der komischen Glanzstücke von Elle, wie überhaupt jede Szene in sich genau choreografiert und dramaturgisch durchgeplant ist.

Scham existiert nicht mehr

Und hinter alledem lauert die permanente Bedrohung durch den Vergewaltiger, der ihr immer nahe bleibt. Er schickt ihr anonym SMS, und eines Tages findet Michèle, als sie nach Hause kommt, sein Sperma auf ihrem Bett. Er ist ganz in der Nähe. Elle ist kein Kriminalfilm. Wer der Mann ist, der Michèle überfallen hat, kommt sukzessive ans Licht. Es ist weder sonderlich überraschend noch sonderlich wichtig. Viel wichtiger ist Michèles Reaktion auf ihren Vergewaltiger: Sie klagt ihn nicht an, sie zeigt ihn nicht an, nein: Sie nähert sich ihm. Sie setzt alles daran, um dem Akt, gegen den sie sich nicht wehren konnte, das Erniedrigende zu nehmen.

Michèle mag alles sein, traumatisiert und verhärtet, "ein Miststück", wie ihre Mutter sagt, eine rücksichtlose Geschäftsfrau, eine schlechte Freundin. Aber keinesfalls darf sie, weder vor anderen noch vor sich selbst, als Opfer erscheinen. Und erst in der dramatischen Zuspitzung der Dinge gegen Ende (auch im Hinblick auf Michèles noch immer im Gefängnis sitzenden Vater) zeigt sich, mit welch umfassender Berechnung hier eine Frau mit allem aufräumt, was die mühsame Balance ihrer Existenz aus dem Gleichgewicht zu bringen droht. Man darf das pathologisch nennen. Faszinierend ist es, dabei zuzusehen.

"Kein Schamgefühl", sagt Michèle einmal, "ist so stark, dass es uns an etwas hindern würde." Ein programmatischer Satz. Elle ist das durchaus gesellschaftsrelevante Porträt eines Menschen, der Kategorien wie die der Scham hinter sich gelassen hat.