Was passiert mit einem vereitelten Traum?
Vertrocknet er wie eine Rosine in der Sonne?
Oder eitert er wie eine Wunde
Und platzt dann auf?
Stinkt er nach vergammeltem Fleisch?
Oder verkrustet er wie süßer Sirup?
Oder explodiert er?

Langston Hughes, ein Poet der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, schrieb sein Gedicht Harlem im Jahr 1951, als Schwarze vom amerikanischen Traum weitgehend ausgeschlossen waren. Die Zeilen könnten über dem Film Fences von Denzel Washington stehen, der gute Chancen hat, in diesem Jahr einen Oscar zu gewinnen.

Troy Maxsons vereitelter Traum ist eine vereiterte Wunde und der Mann ist permanent damit beschäftigt, sie wieder aufzukratzen. Maxson, gespielt von Washington, arbeitet als Müllmann im Pittsburgh der 1950er Jahre, und er ist zu Recht wütend. Aus ihm hätte ein Star-Baseballspieler werden können, doch wegen seiner schwarzen Hautfarbe ist ihm die weiße Liga verwehrt geblieben. Als die Rassentrennung im Sport aufgehoben wurde, war er zu alt, weil er jahrelang im Gefängnis gesessen hatte, für ein Verbrechen, das er während eines Raubüberfalls begangen hatte. Aus Notwehr, so sagt er zumindest.

Das Leben hat Troy hart gemacht und nun will er zumindest im eigenen Haus die Kontrolle behalten. Hier scheucht er seine Familie herum und verbringt seine Freizeit damit, den titelgebenden Zaun zu errichten, um sich von der Außenwelt abzuschotten. "Ich baue mir einen Zaun um das, was zu mir gehört", sagt er. Fences konzentriert sich ganz auf den Hinterhof dieses Hauses und hält sich damit an den strengen, szenischen Aufbau des gleichnamigen Theaterstücks.

Fences ist Teil von August Wilsons zehnteiligem Pittsburgh Cycle. Der Dramatiker erforschte darin den Alltag der afroamerikanischen Bevölkerung im 20. Jahrhundert, wobei jedes Stück in einem anderen Jahrzehnt stattfindet. 1987 wurde Fences am Broadway uraufgeführt, 2010 wurde es wiederaufgenommen mit Denzel Washington als Troy und Viola Davis als seine Frau Rose. Diese Besetzung griff Washington für seinen Film wieder auf, Wilson schrieb das Drehbuch kurz vor seinem Tod im Jahr 2005.

Angesichts von Polizeigewalt gegen Schwarze und der Entwicklungen der Präsidentschaft Trump ist der Stoff heute aktueller denn je. Bei den Oscars ist Fences in vier Kategorien nominiert: als bester Film, Denzel Washington als bester Hauptdarsteller, Viola Davis als beste Nebendarstellerin, und Wilson posthum für das beste adaptierte Drehbuch.

Kein gefallener Held für das "schwarze Amerika"

Ein zentrales Anliegen des Dramatikers war, die Ungerechtigkeit gegenüber schwarzen Menschen zu thematisieren, sie aber nicht in ihrer Opferrolle verharren zu lassen. Troy ist ein gutes Beispiel dafür. Er steht eben nicht als gefallener Held für das "schwarze Amerika". In erster Linie ist er ein eitler Patriarch, der seine Familie wie Leibeigene behandelt und glaubt, dass seine sozialen Umstände ihn moralisch überlegen, ja sogar unantastbar machen.

Die Träume seiner eigenen Kinder sabotiert er mutwillig. Sein Sohn Cory (Jovan Adepo) hat die Möglichkeit, ein Football-Stipendium zu bekommen. Troy ist dagegen. Nicht, weil er dem Jungen eine Enttäuschung, wie er selbst sie erlebt hat, ersparen will. Nein, aus Angst, Cory könnte seine eigenen sportlichen Leistungen überstrahlen. Sein ältester Sohn (Russell Hornsby) ist Jazzmusiker und Troy hat eine sadistische Freude daran, wie der Junge jeden Freitag kommt und um Geld bettelt. Er trampelt auf den Ambitionen seiner Kinder herum, weil er sie um ihre Freiheiten beneidet.

Pflichtbewusst und kämpferisch, selbstgerecht und gemein

Troy ist vieler Dinge beraubt worden, zweifellos. Und seine Kritik "Der weiße Mann lässt dich nirgends hin" ist berechtigt. Noch steht die Bürgerrechtsbewegung erst am Anfang, aber der Funke des Neuanfangs ist schon zu spüren. Doch Troy hat sich schon viel zu gut eingerichtet in seinem Selbstmitleid, als dass er seine Außenwelt wahrnehmen könnte. So sitzt er in seinen Hinterhof und erzählt bei einer Flasche Schnaps abenteuerliche Geschichten darüber, wie oft er mit dem Tod gerungen habe.

Es ist klar, warum sich Denzel Washington diese Rolle angezogen hat: Troy ist Held und Antiheld zugleich, eine komplexe Persönlichkeit: Pflichtbewusst und kämpferisch, aber auch selbstgerecht und gemein. Monolog um Monolog hält Washington, taumelt zwischen geselligen Anekdoten und Wutausbrüchen. Sein Troy ist ein Dichter, ein wütender Rapper.

Nach 18 Jahren explodiert sie

Leider erschöpft sich dieser Furor im Laufe der 139 Filmminuten und wer gemein sein will, könnte Fences als gut abgefilmtes Theater bezeichnen. Tatsächlich beschränkt sich Washingtons dritte Arbeit als Regisseur auf nicht viel mehr als die Debatten in Troys Hinterhof. Manchmal fühlt man sich als Zuschauer genau so schlaff wie seine Ehefrau Rose, die, wie sie selbst sagt, "seit 18 Jahren neben ihm steht".

Rose ist die eigentliche Heldin dieses Filmes und Viola Davis würde für diese Rolle den Oscar verdienen. Was als Geschichte über einen schwierigen Mann beginnt, wird am Ende zum Plädoyer für eine starke Frau. Rose ist die Einzige, die Troy bedingungslos liebt. Doch als er ihr schließlich ein schändliches Geheimnis enthüllt, ist alles aus. Dann explodiert sie und der Bildschirm mit ihr. Tränen und Rotz fließen wie eine Sintflut über ihr Gesicht. "Was ist mit meinem Leben?", brüllt sie ihrem selbstsüchtigen Mann nach 18 Jahren Kuchenbacken und Hühnerbraten entgegen. "Was ist mit mir?" 

Troys Träume mögen zu einer eiternden Wunde geronnen sein, aber als schwarze Frau hatte Rose nie das Privileg, überhaupt welche zu äußern.