"Nostalgia – That's why you're here!" Den entscheidenden Satz in Danny Boyles jahrzehntelang erwarteter Fortsetzung des kurioserweise lebensbejahenden Junkie-Dramas Trainspotting, den entscheidenden Satz, "Ihr seid nur aus Nostalgie hier", sagt ausgerechnet eine bulgarische Prostituierte. Sie hat recht. Und sie meint natürlich uns. 

Trainspotting drehte Boyle 1996. Der Film katapultierte ihn vom Kultregisseur (Kleine Morde unter Freunden) zum Weltstar, der nach ein paar Flops in Amerika (kann googlen, wer will) einen dunkelschwarzen Zombiefilm drehte (28 Days Later), schließlich Oscarnominierter und Oscarpreisträger wurde (Slumdog Millionär, 127 Hours, Steve Jobs) und spektakulär eine Olympiade eröffnete (London 2012). Wenn Boyle etwas auszeichnet, dann ist es seine Fähigkeit, immer wieder zu überraschen, Neues aufzubieten, seinen Stil, die Genres, die Sujets zu variieren.

Darüber hinaus ist er aber auch ein genialer Jongleur, der die Figuren seiner Filme in ein scheinbar heilloses Chaos wirft, um sie dann gerade noch rechtzeitig wieder aufzufangen. Viele, die Filme lieben, lieben Boyle und niemand, wirklich niemand, wollte, dass er sich diese Fortsetzung antut. Das konnte nicht genauso gut werden! Und selbst falls es ein richtig toller Film würde, wäre er doch immer noch schlechter als das Original.

"Es musste schmerzhafter werden, persönlicher"

"Deshalb habe ich auch so lange gezögert", sagt Danny Boyle im Gespräch auf der Berlinale, wo sein Film außer Konkurrenz im Wettbewerb läuft. Er habe schon vor Jahren einen ersten Drehbuchentwurf gehabt, aber gespürt, dass der noch nicht funktionieren würde – weder für ihn noch für die Autoren und die Schauspieler. Also hat er weiter gewartet und gearbeitet. "Es musste etwas werden, das es wert war, das Risiko einzugehen. Es musste schmerzhafter werden, persönlicher."

Boyle vermittelt gerne Grenzerfahrungen, physische wie emotionale. Da hatte der erste Trainspotting einiges zu bieten: Der heroinsüchtige Renton (Ewan McGregors Rolle zum internationalen Durchbruch) und seine drei Kumpels Simon, Spud und Begbie warfen mit der ganzen Kraft ihrer jungen Männlichkeit ihre Leben weg: Sie hängten sich an die Nadel oder soffen und prügelten, sie beklauten ihre Familien und sich gegenseitig, redeten von Freundschaft, kümmerten sich aber einen gewaltigen Scheiß um irgendetwas. Eine der furchtbarsten Szenen war jene, in der die kleine Tochter von Simon in ihrem Gitterbettchen stirbt, weil ihre zugedröhnten Eltern sie schlicht vergessen.

Filmisch aufwendig inszenierte Boyle den Rausch. Er fügte comicartige Elemente ein, spielte mit Freezes und Verzerrungen und in einer legendär surrealen Szene tauchte Renton in das dreckigste Klo Schottlands hinab, um zwei verlorene Opiumzäpfchen wiederzufinden. "Gewalttätig, geschmacklos, genial", alliterierte damals die Kritik. Ein paar sagten auch, Trainspotting sei suchtverherrlichend.

"T2" ist durchsetzt mit Zitaten

Der Film verschaffte seinem Drehort Edinburgh einen regelrechten Boom. Plötzlich war die schottische Hauptstadt nicht mehr der abgehängte Arsch der Welt, sondern cool. "Ich will nicht sagen, dass wir allein schuld daran waren", sagt Boyle mit einem Lachen, "aber ja, in Edinburgh hat sich seitdem viel gewandelt. Allermeistens zum Guten." Dabei hatte er Trainspotting damals aus Geld- und logistischen Gründen vor allem in Glasgow gedreht. Jetzt ist er zum Drehen aber tatsächlich in die Hauptstadt zurückgekehrt. In die Toilette übrigens auch.

Denn natürlich ist T2 Trainspotting durchsetzt mit Zitaten: Es gibt eine rauschhafte Fußballszene, einmal fliegt ziemlich viel Kotze rum, auch das Baby kommt einmal kurz vor, wenn auch proper und nicht tot. Das Ganze ist unterlegt mit einem Soundtrack, der tatsächlich der Nachfolge von Iggy Pop, David Bowie, Primal Scream und Underworld würdig ist. Rick Smith, Gründungsmitglied von Underground, arbeitete seit Trainspotting immer wieder mit Boyle zusammen und hat auch für T2 die Musik gesammelt: jüngere Stücke von Underground und eigene Kompositionen, ein bisschen Hommage an Bowie und Iggy Pop und etliches Neues wie Stücke der Edinburgher Hip-Hop-Band Young Fathers.

Heute sind sie nach nichts mehr süchtig – und auch keine Kerle mehr

Auch eine Toilettenszene gibt es in Teil 2: Ewan McGregor (l.) und Robert Carlyle © Sony Pictures Releasing GmbH

Boyle beginnt seinen Film, indem er die vier Protagonisten einfach wieder zusammenwirft. Am Ende von Trainspotting hatte er die Clique nach einem üblen Verrat Rentons an zweien seiner Kumpels auseinandergesprengt. Renton hatte von Begbie und Simon deren Anteil aus einem Heroindeal geklaut und sich mit 12.000 Pfund aus dem Staub gemacht. Nach Amsterdam, erfahren wir gleich im Vorspann von T2. Er hat seine Heroinsucht überwunden, einen soliden Job gefunden und sogar geheiratet. Die Beziehung ist jetzt allerdings am Ende und so kehrt er nach Edinburgh zurück.

Auch um nach 20 Jahren seine Schuld zurückzuzahlen: 4.000 Pfund an Begbie (Robert Carlyle), der allerdings gerade damit beschäftigt ist, seinen Ausbruch aus dem Gefängnis zu planen, in dem er wegen Mordes sitzt. Und 4.000 Pfund an Simon (Jonny Lee Miller), der inzwischen einen hoffnungslosen Pub führt und Renton zur Begrüßung erst mal mit einem Billardqueue niederschlägt. Lediglich Spud (Ewen Bremner) freut sich, nachdem er eine Nahtoderfahrung verarbeitet hat, ihn wiederzutreffen. Renton hatte ihm als einzigem seinen Anteil schon vor 20 Jahren zukommen lassen, weil gegen Spud einfach niemand etwas haben konnte. Auch diesmal ist Spud der Junkie der Herzen.

Vergiftet durch Enttäuschung

Alle vier Schauspieler sehen für Ex-Alkis oder Ex-Fixer eigentlich zu gut aus. McGregor gar eher so athletisch wie Jedi-Meister Obi-Wan Kenobi. Dennoch hat ihre Figuren etwas vergiftet: Enttäuschung. Und deren Verwüstungen sind womöglich schlimmer als die durch Alkohol und Heroin. Die Männer haben keinen Kontakt zu den Kindern, die sie irgendwo in die Welt gesetzt haben, oder erfinden Kinder, die sie nie hatten. Wenn sie Sex haben wollen, schlucken sie Viagra, das dann seine Wirkung zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt entfaltet. Einer gibt vor, eine Freundin zu haben, nur schläft die nie mit ihm. Vor 20 Jahren sprühten die vier Kerle trotz ihrer Sucht vor Energie. Heute sind sie nach nichts mehr süchtig – und auch keine Kerle mehr.

"Man hat mir manchmal gesagt, dass in meinen Filmen Frauen häufig nur am Rand vorkommen", sagt Boyle. Das stimmt. Auch in T2 bleiben sie weitgehend im Hintergrund. "Aber sie kontrollieren das Geschehen. Sie zeigen Grenzen auf, ziehen die Kinder groß und sorgen dafür, dass die im Gegensatz zu ihren vermaledeiten Vätern vielleicht eine Chance nutzen werden. "Frauen", sagt Boyle, "erledigen ihren Job im Leben".

"Sag Ja zur Enttäuschung!"

Irgendwann in der Mitte des Films greift Renton das Zitat aus einer Antidrogenkampagne der 1980er Jahre wieder auf, über die er sich schon im ersten Trainspotting lustig gemacht hatte: "Sag Ja zum Leben!" ging die, und Renton und die anderen machten sich einen Spaß daraus, dieses Ja zu variieren: "Sag ja zum Job!", "Sag Ja zu einem pervers großen Fernseher!", "Sag Ja zur Zahnzusatzversicherung!". Nur das "Ja zum Heroin!" war kein Scherz.

Jetzt, in T2, sitzt Renton dieser lebensklugen bulgarischen Prostituierten gegenüber und beginnt wieder: "Sag Ja zu deinem Handy, das eine Chinesin zusammengebaut hat, bevor sie aus dem Fenster sprang!", "Sag Ja zu der Tasche, zusammengenäht von einer Inderin, die in einem Flammenmeer umkam!". Doch dann schlägt die schlichte Kapitalismuskritik in Selbstkritik um und Renton bekennt: "Sag Ja dazu, deine Liebsten verloren zu haben!", "Sag ja dazu, nie derjenige geworden zu sein, der zu sein wolltest!", "Sag Ja zur Enttäuschung!".

Eine Reflexion über Nostalgie

Natürlich können die Kumpels die Zeit nicht zurückdrehen. Renton, Simon und Spud brechen zwar auf zu einer Art Reenactement ihres Ausflugs in die schottischen Highlands. Ein Kumpel ist tot, ein Baby ist tot. Aber nur wer es schafft, Gefühle mit dieser Vergangenheit zu verknüpfen, kommt von ihr los. Ausgerechnet Spud, diesem verlorenen Loser, gelingt das am Ende auf sehr kunstvolle Art.

Und Boyle selbst. T2 ist viel mehr als ein nostalgischer Trip. Es ist eine Reflexion über Nostalgie. "Und der Kern dieser Nostalgie ist Enttäuschung", sagt Boyle. "Deswegen ist es ein so viel schmerzvollerer Film für mich als Trainspotting, ein so viel persönlicherer Film." Man möchte ihm zuraunen: Die Erinnerungen, die wir irgendwann an das Wagnis Trainspotting 2 haben werden, sind ganz bestimmt nicht schmerzlich.