Das Presseheft zur Kölner Tatort-Folge Tanzmariechen (WDR-Redaktion: Götz Bolten) stellt den wichtigsten Beteiligten jeweils zwei Fragen. Von Drehbuchautor Jürgen Werner will man etwa wissen: "Was macht Tanzmariechen interessant für Menschen, deren Herz nicht für die 'fünfte Jahreszeit' schlägt?" Die Antwort: "Tanzmariechen zeigt die Welt hinter den Kulissen. Den Leistungsdruck, der hinter dem Lächeln liegt. Für viele ist die 'fünfte Jahreszeit', im wahrsten Sinn des Wortes, eine todernste Angelegenheit."

Wenn das stimmen würde mit dem "wahrsten Sinne" bezogen auf das Wort "todernst" vor der Angelegenheit für "viele", dann müssten wir in der Zeit zwischen 11. November und Aschermittwoch andauernd von Todesfällen in Prinzengarden und Karnevalskompagnien hören. Tun wir nicht; man kann also davon ausgehen, dass der Drehbuchautor in diesem Falle seine Worte nicht genau bedacht hat. Weshalb man natürlich skeptisch werden kann.

Für naive Seelen mag nämlich eine Behauptung wie "zeigt die Welt hinter den Kulissen" nach investigativem Furor und dokumentarischem Ethos klingen. Ganz so, als würde von in diesem Tatort der Illusionsmaschine Karneval das Display abgeschraubt, damit man in aller Nüchternheit auf Kabel und Schaltkreise schauen kann. Das ist leider auch nicht so beziehungsweise wiederum einfach nur dahingesagt: "Die Welt hinter den Kulissen" ist in Tanzmariechen nur die kulissenhafte Welt eines ARD-Sonntagabendkrimis, der zur Arbeit geht, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sich das Heute vom Morgen oder Übermorgen unterscheiden könnte.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

In dieser "Welt" tummeln sich Figuren und Motive, die man, wenn sie nicht so mittelmäßig und ambitionslos wären in ihrem Entwurf, vielleicht sogar archetypisch nennen könnte. Zumindest sind sie typisch für Tatort-Drehbücher. So gibt es den Gegensatz zwischen Kommerz und Tradition, den Werner auch in seine bekannteste Arbeit, den legendären Frauen-Fußball-WM-Tatort mit Lena Odenthal gestellt hat. Jemand sagt, wir wollen ganz groß raus mit unserer Karnevalstruppe. Und jemand anderes sagt, das ist Verrat an unseren Ideen, das Geld macht doch alles kaputt.

"Jemand" ist deshalb die treffendste Beschreibung dessen, was in Filmen normalerweise Charaktere heißt, weil man schon fünf Minuten nach der Ausstrahlung vergessen hat, wer für welche Position da war. War Annika Lobinger (Natalie Rudziewicz) die Geliebte von Günther Kowatsch (Herbert Knaup) oder Saskia Unger (Sinja Dierks)? Die Figuren sind wie Container, die laufend mit Informationen befüllt werden und aus diesem Tatort einen langen, gleichmäßig vor sich hin zuckelnden Güterzug machen. Und so wie es Menschen gibt, die sich gern Züge anschauen, so kann man in der arg mit sich selbst beschäftigten Handlungslogistik Momente von Schönheit entdecken. Sie steckt in Sätzen wie: "Frau Schetter wusste über das Treiben von Saskia Unger Bescheid?"

Kommissare als Dispatcher

Die Kommissare sind die Dispatcher, wie das Berufsbild des Abfertigers in der DDR hieß. Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) und Assistent Tobias Reisser (Patrick Abozen) überprüfen laufend die Container und deren Inhalte, um sich permanent selbst davon zu erzählen. Hierarchien gibt es dabei nicht (obwohl Tobias immerzu Sachen erledigen muss), die Redeanteile sind demokratisch verteilt. Tobias kann zum Beispiel rausfinden, dass jemand gemobbt worden ist und von dieser Entdeckung Ballauf berichten. Der ist zwar neu in der Materie in diesem Moment, was ihn allerdings nicht darin hindert, die Information umstandslos weiter zu argumentieren ("Dann hat sie sich mehr und mehr zurückgezogen").

Ein Unterschied zwischen den beiden Chefs und dem Assistenten ist, dass die beiden raus dürfen, während er Innendienst hat. Sie rufen dann ab und zu an und fragen ihn etwas. Zum Beispiel, wo sich diese oder jene Person gerade aufhält. Dann guckt Tobias auf seinen Bildschirm und antwortet: "Ich schau mal nach, wo sie jetzt steckt. Also laut Internetprofil hat sie sich vor einer halben Stunde im Vereinsheim eingecheckt, sie ist immer noch dort." Und dann wissen die Kommissare Bescheid.