Von den meisten berühmten Regisseuren gibt es diese eine Geschichte, die ihren Wahnsinn illustriert. Die erzählt, wie weit sie gegangen sind, um die perfekte Szene einzufangen. Baltasar Kormákurs Geschichte lautet so: Bei den Dreharbeiten zu seinem Drama The Deep ließ er sich an seinen Hauptdarsteller Ólafur Darri Ólafsson binden und sprang mit ihm in den eiskalten Atlantik. Warum? Ólafsson, der in der Szene um sein Überleben kämpft, verschwand wegen des starken Wellengangs immer wieder aus dem Fokus der Kamera. Der Regisseur schwamm nun an ihn gebunden in die andere Richtung, als Gegengewicht für den Schauspieler. "Er war wieder im Kasten", sagt Kormámkur und lacht. "Ein paar Leute von unserer Crew wollten mich ablösen, aber sie haben es nicht geschafft. Es will eben keiner so verzweifelt die perfekte Einstellung wie der Regisseur."

The Deep wurde 2013 als bester ausländischer Film für den Oscar nominiert, Kormákur gilt seither als Meister für klimatische Extremsituationen. Sein letzter großer Film war 2015 das Bergsteigerdrama Everest mit Josh Brolin und Jake Gyllenhaal. Kormákur erzählt darin die Geschichte der tödlichen Expedition von 1996.

Wird man unweigerlich zum Experten für Naturkatastrophen, wenn man in Island aufwächst? "Man lernt auf jeden Fall die Extreme kennen", sagt Kormákur. "Die Natur ist im Sommer unfassbar schön, aber den größten Teil des Jahres ist es sehr unwirtlich hier. Die Natur kann dein Freund sein, gleichzeitig aber auch dein größter Feind."

Die Grenzen, die die Natur dem Menschen setzt, ist auch das Grundthema von Kormákurs Serie Trapped – Gefangen in Island, die ab 19. Februar als Fünfteiler im ZDF läuft. Es ist Winter im kleinen Dorf Seydisfjordur an der nordöstlichen Küste Islands. Eine dänische Fähre hat gerade angelegt, da ziehen Fischer plötzlich eine Leiche ohne Kopf und Gliedmaßen aus dem Wasser. Ein Schneesturm schneidet den Ort von der Außenwelt ab, die Leiche verschwindet, und es gibt es neue Tote.

Baltasar Kormákur, 1966 in Reykjavík geboren, begann seine Karriere als Schauspieler. Seine schwarze Komödie "101 Reykjavík" machte ihn 2000 als Regisseur international bekannt. Sein Drama "The Deep" war 2013 als bester ausländischer Film bei den Oscars nominiert. Sein Bergsteiger-Film "Everest" eröffnete 2015 die Filmfestspiele in Venedig. Kormákurs TV-Serie "Trapped – Gefangen in Island" läuft ab 19. Februar im ZDF. © Lilja Jónsdóttir/ RVK Studios

Trapped ist ein Kriminalfall nach klassischem Agatha-Christie-Setting: Eine Gruppe von Menschen ist an einem Ort gefangen und der Mörder ist mitten unter ihnen. In dieser Serie ist der erste Mord jedoch nur der Auftakt zu weiteren Verbrechen, die noch viel grausamer sind. Wie eine Gesellschaft von Gier, Faulheit und Feigheit zerstört wird, ist die zentrale Aussage der Serie. Kaum einer der Protagonisten ist am Ende ohne Schuld, auch der Polizeichef Andri nicht.

Die Finanzkrise ist vorbei, die Gier ist geblieben

Dieser massige, bärtige Kommissar sieht aus wie eine depressive Ausgabe von Bud Spencer. Gespielt wird Andri von Ólafsson, der seit The Deep einer von Kormákurs Stammschauspielern ist. Er habe seine Kooperationspartner erst einmal vom Sexappeal seines Hauptdarstellers überzeugen müssen, sagt der Regisseur. Für ihn sei Ólafsson "wie einer der isländischen Berge – oder wie ein Troll". In der Serie trägt Andri trotz größter Kälte und Schneestürmen seine Jacke immer offen und man fragt sich: Friert dieser Mann nie? Oder spürt er die äußerliche Kälte schon lange nicht mehr? "Andri ist cool, aber innerlich brennt er", sagt Kormákur über seine Hauptfigur. Als dessen Ex-Frau mit ihrem neuen Freund zurück nach Seydisfjordur kommt und ankündigt, die beiden Töchter mit nach Reyk­ja­vík zu nehmen, bleibt Andri stumm. Der Ehering, den er immer noch am Finger trägt, spricht für sich. "Andri ist auch in seinem Privatleben trapped – in einer Falle", sagte Kormákur.

Wichtiger als die privaten Verstrickungen sind die gesellschaftlichen Wunden des Landes. Die Finanzkrise ist ein zentrales Thema in Trapped  – auch wenn sie nie explizit genannt wird. Man spricht von "damals" und "den anderen Zeiten", wie es Menschen nach einem nationalen Trauma tun. Stimmt das Bild also nicht, das man von Island gemeinhin hat? Als Musterland im Umgang mit der Krise? "Wir sind schnell wieder auf die Füße gekommen", sagt Kormákur, "aber die Probleme sind geblieben. Es gibt immer noch Strukturen für gierige Leute außerhalb und innerhalb des Systems. Die Korruption existiert weiter, bei den Panama Papers waren wir ganz oben auf der Liste."

Auch wenn die Krise offiziell überwunden ist: Misstrauen, Angst und Neid sind geblieben. Ebenso wie das rücksichtslose Gewinnstreben des Menschen. Es geht in Trapped um globale Wirtschaftsinteressen und politische Einflussnahme – eine chinesische Firma will einen riesigen Hafen in Seydisfjordur errichten und versucht dafür im großen Stil Land zu kaufen. Und es geht um das Handelsgut, das aktuell die größte Gewinnspanne bringt: den Menschen. In der Serie verkörpert von zwei afrikanischen Mädchen, die auf der dänischen Fähre nach Island geschmuggelt und als Sexsklavinnen verkauft werden sollen. "Wisst ihr überhaupt, was bei euch los ist?", fragt der Kapitän in einer Szene verächtlich die Dorfpolizisten.

"Ein kleiner Ort ist die ideale Bühne, um globale Fragen zu diskutieren", sagt Kormákur. "In den isländischen Dörfern entscheiden sich sogar viel fundamentalere politische Fragen als in Reykjavík. Es geht um ausländische Investitionen, um Fischpreise, um Ölpreise. Genau wie in der Serie versuchen auch in der Realität chinesische Firmen gerade, massiv Grundstücke in Island zu kaufen."