Es ist schon ungerecht. Wenn Steven Soderbergh für den Sender Cinemax eine Serie über ein Krankenhaus im New York der Jahrhundertwende macht, springen die Kritiker vor Begeisterung im Dreieck: diese Authentizität, diese Geschichte, diese Helden- und Gräueltaten im Namen der Medizin!

Wenn Sönke Wortmann für die ARD eine Serie über die Berliner Charité um 1890 macht, wird  gemault: Ach ja, kennen wir schon, Ärzteserie, historischer Stoff vom Sommermärchen-Sönke. Nur dass diesmal nicht Angela Merkel in der Umkleide sitzt.

Die Ähnlichkeiten zwischen The Knick und Charité sind frappierend. Beide Serien spielen in berühmten Krankenhäusern in Großstädten, die sich im politischen und gesellschaftlichen Wandel befinden. In denen die Armen der Bevölkerung zu Tausenden verrecken.

Robert Koch – der perfekte Serienheld

Hier wie dort kämpfen die Ärzte zwischen ihren 24/7-Einsätzen bei Kerzenlicht unter bröckelnden Fassaden darum, ihre Forschung voranzutreiben. Oft gelingt ihnen der Doppeleinsatz nur, weil sie sich mit Morphium oder Opium betäuben. The Knick hat mit Clive Owen die glamourösere Besetzung, dafür wartet Charité mit weitaus spannenderen historischen Vorbildern auf: Robert Koch, Emil Behring, Paul Ehrlich und Rudolf Virchow. Vier Wegbereiter der modernen Medizin, die ersten drei davon Nobelpreisträger. Allein die Forschungsgeschichte dieser Männer würde die 180 Serienminuten des Sechsteilers locker füllen: Entdeckung des Tuberkulose-Erregers (Koch), Begründung der modernen Pathologie (Virchow), Heilung der Diphtherie (Behring und Ehrlich).

Vor allem die Figur des Robert Koch (Justus von Dohnányi) eignet sich fantastisch als Serienheld. Ein Mann, Mitte vierzig, wird auf dem Höhepunkt seines Erfolgs zum Getriebenen: Seine Forschung stagniert, der weltweit als Bazillenjäger gefeierte Wissenschaftler hat zwar die Ursache der Tuberkulose gefunden, die Ausbreitung der Volksseuche kann er jedoch nicht stoppen – die Menschen sterben weiter. Zudem gerät der Forscher auch wegen seines Privatlebens in die Schlagzeilen. Er pflegt nicht nur eine Affäre mit einer 17-jährigen Chanteuse, sondern lässt sich – ein Eklat zu damaliger Zeit – von seiner Ehefrau scheiden. Derweil will der neue Kaiser Wilhelm II. Erfolge sehen, stilisiert den Fortschritt in der Wissenschaft zu einer nationalen Aufrüstung gegen den Erzfeind Frankreich, der mit Louis Pasteur einen gleichrangigen Star zu bieten hat. Und so wird der Berliner Ärztekongress 1890 für Koch zum Schicksalstag: Hier muss er sich beweisen.

Forscher als Popstars

All dies deckt sich mit den historischen Fakten, und Wortmann braucht nur wenige Extraumdrehungen, um seine Figuren lebendig wirken zu lassen. Sogar Justus von Dohnányis etwas hölzernes Spiel passt hier zum Rollenvorbild – Robert Koch war weder ein begabter Redner noch ein Charismatiker. Es waren die Inhalte seiner Forschung, die ihn zu einem Superhelden der damaligen Zeit machten.

Es ist heute kaum vorstellbar, dass Wissenschaftler in der Bevölkerung den Nimbus von Popstars einnahmen. Virchow wurde "Der Papst" und "Gottvater der Medizin" genannt. Sogar ein Leibarzt des japanischen Kaisers bettelte darum, von Koch als Assistent aufgenommen zu werden. Nur wer sieht, unter welchen Bedingungen Mediziner im ausgehenden 19. Jahrhundert arbeiten mussten, kann verstehen, warum der Entdecker einer neuen Operationsmethode oder eines Krankheitserregers fast schon angebetet wurden. Forschung konnte damals auf einen Schlag Zehntausende Leben retten.

Es ist eine Zeit des Aufschwungs, der Klinikchef besitzt einen der ersten Fernsprecher Berlins, von dem Virchow jedoch nicht überzeugt ist: "Ich glaube nicht, dass sich das durchsetzt. Die Menschen wollen doch von Angesicht zu Angesicht miteinander sprechen." In solchen Szenen zeigt sich, dass Sönke Wortmann durchaus einen feinen Humor besitzt, wenn er nicht gerade Hofberichterstattung über die Nationalmannschaft macht.