Der Berliner Teufelsberg ist eine Schutthalde der Geschichte. Entstanden aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs, als Abhörstation amerikanischer und britischer Geheimdienste zum Symbol des Kalten Kriegs geworden, heute dem Verfall preisgegeben.

Es ist eine interessante Koinzidenz, dass dieser Teufelsberg ausgerechnet in den beiden Produktionen eine zentrale Rolle spielt, die dieser Tage weltweit als Serien made in Germany in Hunderten Ländern anlaufen: im ZDF-Mehrteiler Der gleiche Himmel und der Amazon-Serie You are Wanted.

Als Kulisse gibt die Abhörstation viel her, sieht sie doch mit ihren fünf weißen Antennenkuppeln aus wie der comichafte Auswuchs einer bizarren Überwachungsfantasie. In Nico Hofmanns Erzählung Der gleiche Himmel um einen DDR-Spion, der Mitarbeiterinnen der amerikanischen und britischen Spionageabteilung in Westberlin aushorchen soll, ist die Anlage noch in voller Blüte, ihre Türme ragen weiß glänzend über die geteilte Stadt; in Matthias Schweighöfers Thriller You Are Wanted sieht man den Ort in seinem aktuellen Zustand: die symbolträchtigen Kugeln sind zerlöchert, die Eisenträger verrostet. Lukas Franke (Schweighöfer), ein von sinistren Mächten gehackter Familienvater, sucht in der Ruine Zuflucht vor seinen Verfolgern.

Ein Überwachungsopfer versteckt sich ausgerechnet in einer ehemaligen Überwachungsanlage. Das ist dramaturgisch natürlich totaler Unsinn, gleichwohl ist das Setting interessant. Immerhin lassen sich an diesem Ort 40 Jahre Überwachungspraxis ablesen. Die deutsch-deutsche Bespitzelung und die Spionage der Amerikaner gehen nahtlos vom Kalten Krieg über zu Edward Snowden und der NSA-Affäre.

Der gleiche Himmel spielt 1974, in der Zeit des Kalten Krieges. Der Ostberliner Stasi-Offizier Lars Weber (Tom Schilling) wird als sogenannter Romeo-Agent auf eine alleinstehende Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes angesetzt. Er soll sie verführen und dazu bringen, ihm brisante Informationen auszuhändigen. Der Produzent Nico Hofmann (Unsere Mütter, unsere Väter) und der Regisseur Oliver Hirschbiegel (Der Untergang) erzählen die Geschehnisse in Ost und West spiegelbildlich – auf der einen Seite manipuliert die Stasi, auf der anderen Seite sind es die Amerikaner.

You Are Wanted dagegen spielt im Berlin der Gegenwart. Ein Unbekannter manipuliert die Daten eines Familienvaters und lässt diesen plötzlich als Terroristen erscheinen. Lukas Franke wird zum Staatsfeind Nr. 1.

Alle klassischen Loyalitätskonflikte

Wie viel Dramatik im Thema Überwachung steckt, hatte vor zehn Jahren der Erfolg des Stasi-Dramas Das Leben der Anderen gezeigt. Man kann daran alle klassischen Loyalitätskonflikte durchdeklinieren: Vertrauen und Verrat, Wahrheit und Täuschung, Linientreue und Systemkritik.

Spätestens seit dem Thriller Who am I – Kein System ist sicher (2014), in dem Tom Schilling einen Hacker mit gespaltener Persönlichkeit spielt, gilt das Genre des Überwachungsfilms als Erfolgsgarant made in Germany. Vielleicht liegt es daran, dass die kritische deutsche Sicht zum Thema Datensicherheit im Ausland mit einem neugierigen Befremden aufgenommen wird. Baran bo Odar, der Regisseur von Who am I, erhielt einen Ruf nach Hollywood, das Streamingportal Netflix engagierte ihn für seine erste deutsche Produktion Dark, die im Herbst anläuft. Auch an der Ufa-Produktion Der gleiche Himmel sicherte sich Netflix die Rechte für den englischsprachigen Markt, Amazon vertreibt You Are Wanted in mehr als 200 Ländern. Offenbar rechnet man mit großem Zuschauerinteresse.

Was aber erfährt man in diesen beiden Geschichten über die Deutschen und ihr Verhältnis zur Ausspähung? Historische Offenbarungen, technischen Revolutionen? Nein. Beide Produktionen stehen für ein altmodisches, vorhersehbares und fantasieloses Fernsehen.