Kino - "Die Schöne und das Biest" (Trailer) © Foto: 2016 Disney Enterprises, Inc.

Nach der Kontroverse um die, so Regisseur Bill Condon, "exklusiv schwule Szene" im neuen Disney-Film Die Schöne und das Biest drängt sich eine Frage auf: Was hätte der 1967 verstorbene Firmenpatriarch wohl zu dem Film gesagt, den der familienfreundliche Unterhaltungskonzern am Donnerstag in die Kinos bringt? Bekanntlich ist auch Märchenonkel Walt zu Lebzeiten nicht unbedingt für seine Toleranz bekannt gewesen.

Bestenfalls muss man Walt Disney attestieren, dass er – wie es Neal Gabler in seiner Biografie The Triumph of the American Imagination diplomatisch formuliert – "wenig sensibilisiert für den gesellschaftlichen Rassismus" gewesen sei. Ein Blick ins Disney-Portfolio offenbart jedoch eine Vielzahl von offen rassistischen (Dumbo, Fantasia) beziehungsweise antisemitischen (Die drei kleinen Schweinchen) Stereotypen, das historisch hochgradig problematische Plantagenmusical Song of the South aus dem Jahr 1946 wurde vom Disney-Konzern sogar aus dem Verkehr gezogen.

Bewusstsein für kulturelle Vielfalt

Man braucht die – wenn man ehrlich ist – allerhöchstens homoerotisch anmutende Tanzszene zwischen LeFou (Josh Gad) und Gaston (Luke Evans) in Die Schöne und das Biest also nicht gleich zum Inbegriff eines westlichen Werteverfalls hochzujazzen, wie es Vitaly Milonov, Wladimir Putins Sprachrohr im Kampf gegen "schwule Propaganda" in Russland, gerade getan hat. Es reicht schon anzuerkennen, dass auch Disney langsam in der Realität anzukommen scheint. Ein afroamerikanischer Stormtrooper (John Boyega) in Star Wars: The Force Awakens, eine gebürtige Hawaiianerin (Auli'i Cravalho) in der Hauptrolle des Südseemärchens Vaiana – bei Disney kehrt ein Bewusstsein für die Themen kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt ein. Die traditionelle Vorstellung der All-American-Family hat, auch wenn das politische Klima in den USA gerade anderes suggeriert, als Wertemodell ausgedient.

Aber das neu entdeckte gesellschaftliche Bewusstsein im Haus Disney ist nicht zuletzt einem kommerziellen Kalkül geschuldet. Bill Condons Aussage, dass mit LeFou die "erste homosexuelle Figur" in einer Disney-Produktion zu sehen sei, zielt auch auf die sich rasant verändernde Demografie des Kinopublikums ab. Dass Die Schöne und das Biest abgesehen von dem kurzen Intermezzo zwischen LeFou und Gaston am Ende doch nur brave heteronormative Unterhaltung bietet – geschenkt. Auch in Russland wird der Film nach einigem hin und her nun in die Kinos kommen, allerdings mit der Freigabe "ab 16". Womit sich die These, es gebe keine schlechte Publicity, erneut bestätigt.

Märchen sind die neuen Blockbuster

Die Schöne und das Biest belegt vor allem eins: Disneys Strategie der Diversifizierung ist seit jeher Teil des Geschäftsmodells. 2015 kündigte Disney-Präsident Robert Iger erstmals eine Reihe von Realfilmadaptionen populärer Animationsfilme aus der letzten "goldenen Zeichentrick-Ära" in den neunziger Jahren an. Damals hatte Disney unter Michael Eisner den klassischen Kanon noch einmal mit Klassikern wie Arielle die Meerjungfrau, Mulan, König der Löwen und Aladdin bereichert. Die Schöne und das Biest ist die erste Neuverfilmung aus dieser sogenannten Disney-Renaissance und er folgt in der irren Erfolgsspur von Alice in Wunderland, Maleficent und The Jungle Book, die weltweit jeweils über eine Milliarde Dollar einspielten. Kulturelle und ökonomische Vielfalt gehen bei Disney Hand in Hand.

Die Entscheidung, den eigenen Zeichentrickkatalog erneut zu verwerten, verspricht doppelten Ertrag. Der Rückgriff auf bekannte Stoffe, die dem Disney-Repertoire durch frühere Adaptionen ohnehin schon einverleibt sind, weckt die Nostalgie eines der Zielgruppe längst entwachsenden Publikums (die diese popkulturelle Erinnerung wiederum der nächsten Generation vermacht haben), die überfällige Modernisierung des Stoffes ist dem technischen Begriff des "Reboot" gewissermaßen eingeschrieben.

Die Logik hinter dieser Verwertungskette ist verblüffend. Die computergenerierten Animationen von Pixar, ebenfalls eine Tochter des Disney-Konzerns, lösten mit dem Erfolg von Toy Story Mitte der neunziger Jahre sukzessive die klassische Zeichentricktechnik ab, gleichzeitig emulierten die Bilder dank immer besseren CGI-Technik (computer generated images) eine naturalistischere Ästhetik.