Asthmatisch und irgendwie metallisch fiepend spricht der adipöse Tankwart durch die Gegensprechanlage des Nachtschalters, abends um elf in Kreuzberg: "Darf et sonst noch wat sein? Nee? Dann sechsfuffzig." An seinem Ohr blinkt blau der Kopfhörer des Headsets, oder ist es etwa... sein Ohr selbst? Ist dieser Mann gar nicht... echt? Sondern ein vom Pächter auf das Abkassieren von Zigaretten und Schokoriegeln programmierter... Roboter? Ein Leibeigener der Turbokapitalisten? Ist er innerlich schon vollends tot? Oder begehrt sein Ghost noch auf gegen das prekäre Beschäftigungsverhältnis und die betrunkenen Erasmus-Studenten, die ihm johlend vor die Zapfsäule kotzen?

Das immerhin erreichen Filme wie Ghost in the Shell: Dass man sich auf dem Nachhauseweg verfolgt fühlt von ihrer brachialen Ästhetik. So wie man wahrscheinlich, sollte man je auf ein Scooter-Konzert geraten, auch tagelang "Hyper Hyper" summen muss, ohne es zu wollen, beim Ausfüllen der Steuerklärung, Saugen, Wäschefalten. Filme wie dieser sind, wenn man so will, Augenwürmer – unfreiwillige Reproduktionen, die, das hat uns die Hirnforschung gelehrt, dann am wahrscheinlichsten auftreten, wenn das Arbeitsgedächtnis gerade nicht so viel zu tun hat. Oder wie ein junger Kinogänger, der nach dem sogenannten Fan-Screening von Ghost In The Shell am Potsdamer Platz von einem Lokalsender interviewt wurde, es ganz trefflich ausdrückte: "Effekte geil, Handlung scheiße." 

Fassen wir Letztere dennoch kurz zusammen: Einem Roboter wird ein menschliches Gehirn implantiert, beides übrigens recht manierlich gespielt von Scarlett Johansson. Gemeinsam, als Kampfeinheit, sollen Ghost und Shell, Geist und Hülle, im Auftrag des japanischen Verteidigungsministeriums einen Cyberterroristen zur Strecke bringen. Doch dem Gehirn kommen Zweifel, ob es und sein künstlicher Körper, in den es gezwängt wurde, auch wirklich auf der richtigen Seite stehen – und schließlich auch daran, was das hier alles überhaupt soll: Das Herumkommandiertwerden durch einen muffigen Chef, das trostlose Angestelltendasein, die einsamen Feierabende in der Ladestation, das Ausbleiben von Liebe, die allumfassende Beschissenheit der Dinge und das Leben an sich. Darin unterscheidet sich die Menschmaschine wohl wirklich kaum vom unglückseligen Kreuzberger Tankwart, aber das nur am Rande. 

Kino - "Ghost in the Shell" (Trailer) © Foto: Paramount

Was nun klingt, als hätte ein Zehntklässler von einem experimentierfreudigen Studienreferendar in der Philosophie-AG die Hausaufgabe bekommen, René Descartes' Idee vom Dualismus von Körper und Geist (res cogitans und res extensa) in einer eigenen Science-Fiction-Kurzgeschichte zu verarbeiten, ist dann auch kaum mehr als das. Es steht also ein dürrer Plot, wo mit etwas mehr Vertrauen in die Bereitschaft des Zuschauers, intellektuell gefordert zu werden, nicht so arg, aber vielleicht mal ein bisschen, auch eine Parabel hätte stehen können über den Ehrgeiz des Menschen, sich mit Hilfe des technologischen Fortschritts von seinem hinfälligen Körper zu emanzipieren – am allerliebsten: unsterblich zu werden. Und da dies leider so ist, wurde der Film in 3-D gedreht, was natürlich einzig und allein der Überwältigung und Verohnmächtigung des Kinobesuchers dient, auf seine kritiklose Duldungsstarre abzielt und das wirklich ärgerliche Gefühl hinterlässt, man sei von jemandem verprügelt worden, der wesentlich dümmer ist als man selbst. Zu allem Überfluss trug man währenddessen auch noch eine geckenhafte Brille.

Hätten die Produzenten vom Millionenbudget für die Spezialeffekte nicht zwei Prozent abknapsen können, um einen Drehbuchautor zu bezahlen, dem geistreichere Sentenzen einfallen als "Dein Ghost gehört dir" oder "Meine neuen Augen haben den Röntgenblick, höhöhö"? Das mag Wunschdenken sein, doch man darf nicht aufhören, sich von solchen Machwerken beleidigt zu fühlen, sonst wacht man eines Morgens auf und wünscht sich nichts sehnlicher als eine DVD von Til Schweiger.

Aufgrund des unsäglichen 3-D-Effekts, der sich, wie immer, bereits nach etwa 40 Sekunden abgenutzt hat, steht auch die liebreizend ernst vor sich hinstierende Scarlett Johannson eigentlich die ganze Zeit mitten im Raum wie ein Pappaufsteller auf einer Gelsenkirchener Erotikmesse. Juliette Binoche als gewissensgeplagte Kybernetikerin schleudert einem laufend ihre Tränen entgegen, sie fallen von der Leinwand in den Zuschauersaal hinein, so dass man ihnen ausweichen möchte wie all den Explosionstrümmern, verunglückten Autos und durch die Luft schwimmenden digitalen Koikarpfen. Und man denkt beinah wehmütig daran, was Lars Eidinger einmal so ehrfürchtig über Dreharbeiten mit der Binoche erzählte: Um ihm das Spielen einer emotionalen Szene zu erleichtern, habe sie "sich nachts um drei hingesetzt und im Off geweint". Nun weint sie in 3-D, und man hofft für sie, dass sie damit genug Geld verdient hat, um mal wieder in einem einigermaßen unkommerziellen Film mitzuwirken.

Johannson und Binoche zu Handlungsschubsen degradiert

Dabei sind Binoche und Johansson nicht die einzigen Akteure, die von Regisseur Rupert Sanders zu Handlungsschubsen degradiert worden sind. Auch Michael Pitt, berühmt geworden als grandios sinistrer Nachwuchsgangsterboss in Boardwalk Empire, darf bloß ein paar rambohafte Dumpfbackenhaikus aufsagen, dann wird er auch schon von einer Panzerspinne verstümmelt. Der japanische Großschauspieler Takeshi Kitano kommt vor lauter Scham über die groteske Zukunftsfrisur, die man ihm aufgepflanzt hat, gar nicht recht dazu, die Rolle des Verteidigungsministers zu interpretieren, die ihm eigentlich zugedacht war, und es ist auch kein Trost, dass diese Scham seltsam ergreifend ist. Der Triphopper Tricky darf einmal durchs Bild latschen, statt, wie es hätte sein müssen, den Soundtrack zu komponieren. Das taten Clint Mansell und Lorne Balfe und brachten leider nur etwas zustande, das klingt, als würde eine fette Katze über ein Keyboard tapsen.

Die größte Gewalt allerdings wurde wie so oft, wenn Hollywood sein Unwesen damit treibt, dem Original angetan, dem gleichnamigen Manga von Masamune Shirow aus dem Jahre 1989 und dessen Animeverfilmung, die 1995 entstand – beides menetekelhafte Dokumentationen einer dräuenden Zukunft, in der die Menschen sich neu erfinden wollen und sich doch nur selbst verlieren. Jetzt, mehr als zwei Dekaden später, da die sogenannte Grinderszene sich tatsächlich Computerchips unter die Haut pflanzen lässt und man am helllichten Tage der Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kolat dabei zuhören kann, wie sie im Radio die baldige Einführung von Pflegerobotern in Altersheimen ankündigt, hätte man durchaus eine luzidere Prognose erwarten dürfen, was uns im schlimmsten Falle blüht, wenn das alles so weitergeht mit dem Herumpfuschen an der Evolution. Leider ist es nur ein Zusammenschnitt der mittelmäßigsten Szenen aus Terminator, Matrix und Blade Runner geworden, aus einem N24-Ausblick ins Jahr 2100 und dem Homevideo einer Gotchajagd, die irgendwelche unbehausten Jugendlichen in einer Bausündenruine abhalten. Kurzum, wie der erstaunlich weise junge Kinogänger abschließend dem Lokalsender ins Mikrofon diktierte: "Ein mittelmäßiger Cyberpunkporno."

Das kann man, für wesentlich weniger Geld, so oder immerhin so ähnlich auch an einer Kreuzberger Tankstelle haben, wenn der Tankwart mit seinem Headset am Nachtschalter steht.