"Wohnblock-Knacker" – so hießen die mehr als 500 Kilogramm schweren Luftminen der Alliierten, die im Zweiten Weltkrieg durch ihre besonders große Detonationswelle ganze Wohnviertel einstürzen ließen. In der Übersetzung der amerikanischen Tageszeitung Bellingham Herald aus dem Jahr 1942 wurden aus den "Wohnblock-Knackern" die Blockbuster. 

Innerhalb weniger Jahre ging der Begriff in den amerikanischen Sprachgebrauch ein, zunächst als Bezeichnung für schwere Gegenstände oder besonders große Hagelkörner. Nach Kriegsende entdeckten ihn dann Marketing-Spezialisten. Ein Blockbuster konnte von da an jedwedes Konsumgut sein, das mit einem "Wow!"-Faktor vermarktet werden sollte. Schon ab Mitte der Fünfzigerjahre griff vor allem die Filmbranche gerne zu der Vokabel, und spätestens seit Steven Spielbergs Der weiße Hai 1975 war der Blockbuster ein stehender Begriff für einen besonders teuren, besonders intensiv vermarkteten Eventfilm.

Überspitzt könnte man auch sagen: Für die Sorte Film, die die klassischen Hollywood-Studios heute fast ausschließlich produzieren. Und auf die sich ihr Geschäftsmodell weitestgehend stützt: wenige, dafür immens teure Filme, die ihre aufgeblähten Herstellungs- und Marketingkosten auf möglichst vielen Märkten rund um den Globus einspielen müssen.

Bei den Oscars liegen die Independentproduktionen vorne

Wie schwach die meisten großen Studios inzwischen aussehen, konnte man erst vor einer Woche bei der Oscar-Verleihung sehen. Paramount hatte dank Arrival und Fences immerhin 18 Nominierungen vorzuweisen; Sony, Fox und Warner aber lagen abgeschlagen auf den hinteren Rängen. Gewinner des Abends waren kleinere Produktionsgesellschaften wie Summit Entertainment mit La La Land und A24 mit Moonlight. Seit Jahren schon stellt das US-Independentkino die großen Oscar-Gewinner. 

Trotzdem ist es für Produzenten ausgesprochen riskant, in Independentfilme zu investieren. Von den 675 Filmen, die im vergangenen Jahr in den US-Kinos anliefen, spielten zwei Drittel weniger als eine Million Dollar ein. Gleichzeitig konnte das Disney-Studio mit sieben Milliarden Dollar 2016 einen so hohen Umsatz wie noch nie verzeichnen; die Gesamteinnahmen auf dem US-Filmmarkt steigen von Jahr zu Jahr. Mit 11,17 Milliarden Dollar erreichte die US-Entertainment-Industrie im Vorjahr eine neuen Rekord.

Disney plündert hemmungslos sein Archiv

Es scheint also, als würden die Studios alles richtig machen. Und die Untergangsvisionen von Steven Spielberg und George Lucas aus dem Jahr 2013, als sie Hollywood schon kurz vor der Pleite sahen? War das viel Lärm um Nichts? Immerhin hatten die beiden ihre Kritik kurz darauf wieder relativiert.

Dabei bleibt sie weiterhin berechtigt. Mag sein, dass das Blockbuster-Geschäftsmodell jetzt und in der näheren Zukunft funktioniert. Auf tönernen Füßen steht der Erfolg trotzdem. Disney zum Beispiel ist nicht deshalb so erfolgreich, weil es die Massen laufend mit neuen Stoffen begeistert, sondern weil das Studio hemmungslos sein Archiv plündert, die klassischen Zeichentrickfilme als Mischung aus Real- und Animationsfilm neu herausbringt und zusätzlich mit dem Star Wars-Franchise die wohl wertvollste Filmmarke der Welt besitzt – und sie mit immer weiteren Spin-offs monetarisiert.