Die Bildernot ist groß in diesem Film. Das müsste nicht so sein, und der Auftakt täuscht auch erst einmal wuchtig darüber hinweg. Eine berittene Polizeipatrouille macht eine Razzia in einem Wald, wo arme Leute Brennholz aufklauben. Die werden dafür von der Staatsmacht gehetzt und zu Tode geprügelt. Während Sounddesign und Kamera noch einen reinrassigen Actionfilm erwarten lassen, klagt eine Erzählstimme aus dem Off die Willkür der Besitzverhältnisse an. Auch später wird die Tonspur immer wieder bersten vor akustischer Gewalt. Manchmal entpuppt sie sich dann jedoch nur als das Anbranden der Wellen an einem Nordseestrand.

Ein Filmemacher des Wortes zu sein, ist für keinen Regisseur ein echtes Kompliment. Auch Raoul Peck schmeichelt es nicht. Aber für seinen Film Der junge Karl Marx wusste er offenbar keinen anderen Rat. Er muss darin schließlich von zornigen jungen Männern erzählen, die über weltstürzende Ideen debattieren und flammende Reden halten gegen die Verelendung des Proletariats.

Kompromisslos wie eine Schulfunksendung

Pecks Filmbiografie über den Sozialphilosophen ist so kompromisslos wie eine Schulfunksendung. Sie kreist um die Freundschaft von Marx (August Diehl) zu Friedrich Engels (Stefan Konarske) und um die Neugierde der beiden auf die Ideen und Erfahrungen des anderen. Peck und sein Co-Autor Pascal Bonitzer haben zwar das erzählerische Glück, dass ihre Protagonisten sich nicht nur in hermetisch abgeschirmten Debattierclubs bewegen, sondern Entbehrung und Not am eigenen Leib erfahren müssen. Auch die Frauen an ihrer Seite sind dem Kampf ihrer Männer nicht nur innig verpflichtet, sondern zeigen jede eigenes Temperament. Die Geburtsstunde des Klassenkampfs hätte durchaus ein feuriges Schauspiel abgeben können. Sie hätte auch einen erheblicheren Film verdient. Stattdessen werden den Zuschauern Bilder im Gedächtnis bleiben von gescheit parlierenden Männern in hohen Hüten, die schlechte Zigarren rauchen und unvorteilhafte Bärte tragen.

Mit seiner Dokumentation I Am Not Your Negro tat sich Peck da leichter. Sie beruht in wesentlichen Zügen auf einem unvollendeten Manuskript des Schriftstellers James Baldwin, das der schwarze Schauspieler Samuel L. Jackson liest, und entwirft ein schillerndes Bild des streitbaren Autors. Der Film war im Januar für einen Oscar nominiert und im Februar auf der Berlinale weit enthusiastischer gefeiert worden als Der junge Karl Marx. Sicher, Baldwin macht es einem Regisseur einfacher. Er formulierte mit einer beißenden analytischen Schärfe, die keine Erwiderung zulässt. Wenn er vor Studenten in Harvard sprach oder in der Talkshow von Dick Cavett auftrat, suchte er den Dialog mit der Zukunft. Die Eloquenz des Romanciers und Publizisten lieferte nicht nur der Bürgerrechtsbewegung der 1960er ein Instrumentarium, sondern lässt ihn auch als Vordenker der heutigen Black-Lives-Matter-Bewegung erscheinen. Umso erstaunlicher ist es, wie wenig Spuren Baldwin im Kino hinterlassen hat. Lediglich sein Roman Beale Street Blues wurde bisher verfilmt, von dem unbeirrten Sozialkritiker Robert Guédiguian, der jetzt auch Mitproduzent von Pecks Film über Marx ist.

Kaum ein anderer Gegenwartsregisseur ist so fasziniert und verstört vom Fortdauern der Geschichte wie Peck. Wie aktuell sie werden kann, macht er in I Am Not Your Negro mit dem Wechsel von Farbe zu Schwarzweiß kenntlich: Wenn er die Exzesse rassistischer Polizeigewalt aus jüngerer Zeit (die Ermordung Rodney Kings, das Massaker von Ferguson) zeigt, sind diese auf den ersten Blick nicht von alten Aufnahmen aus den Fünfzigern und Sechzigern zu unterscheiden. Den monochromen Aufnahmen von Baldwins historischer Harvard-Vorlesung wiederum gibt er ebenso schlüssig Farbe.