Als Matthias Tuchmann am 24. November 2016 mit 42 Jahren starb, war das keine Nachricht, die in den Feuilletons vermeldet worden wäre. Weil der Name erklärungsbedürftig war, nicht sofort mit einem bekannten Werk verbunden. Das ist bei dem Bremer Tatort: Nachtsicht (RB-Redaktion: Annette Strelow) heute anders, denn er ist eine Arbeit von Matthias Tuchmann. Sein Name taucht in den Credits neben dem der Co-Autorin Stefanie Veith auf, und am Ende des Vorspanns ist eine Widmung zu lesen: "Für Matthias Tuchmann".

Vermutlich ist das eh die angemessenere Würdigung, weil Nachtsicht ein gelungener Film ist – die beste Art, um den Drehbuchautor Tuchmann in Erinnerung zu behalten. Dennoch kann man sich fragen, warum sein Name bislang nur einem Fachpublikum geläufig war. Es gibt dafür zwei strukturelle Erklärungen. Zum einen gehörte Tuchmann neben seinem Ludwigsburger Kommilitonen Michael Proehl zu einem Kollektiv, dem Schreibkombinat Kurt Klinke, einer Gruppe von sechs Autoren (plus: Stefanie Veith, Boris Dennulat, Erol Yesilkaya, Michael Comtesse), die gemeinsam an Drehbüchern arbeiten. Auf diese Weise wird Aufmerksamkeit geteilt. Bei Proehls legendärem Frankfurter Tatort mit Matthias Schweighöfer (Weil sie böse sind, 2010) bekam Tuchmann etwa den Auftrag, basierend auf den Grundideen zum Film eine eigene Version zu entwerfen, die Proehl wiederum zur Inspiration diente.

Zum anderen ist es in der deutschen Filmlandschaft nicht leicht, ein Werk aufzubauen. Das soll nicht heißen, dass Könnerinnen verhindert oder nicht rangelassen werden (ich fand zum Beispiel den vorletzten Bremer Tatort, an dem Tuchmann beteiligt war, ziemlich merkwürdig, um es vorsichtig zu sagen). Es erscheint ob all der systemischen Limitierungen (Fernsehredaktionen/-sender, Jugendschutz, Förderarithmetik) aber schwierig, durch regelmäßige Arbeit die eigenen Qualitäten zu verfeinern, weil es zuerst darum zu gehen scheint, die Ansprüche der komplexen deutschen Produktionsszene zu erfüllen.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Die Idee eines hardboiled Genrefilms, für die Tuchmann stand (und an der seine Kollegen weiter arbeiten), ist natürlich abgeschaut vom amerikanischen Kino. Die offene Frage wäre, was daraus in deutschen Filmen werden könnte – über einfaches Epigonentum hinaus.

Erotisch eingeseiftes Auto

Nachtsicht ist eine mögliche Antwort. Die Geschichte ist spitze, schon weil die Grundeinfälle dem im deutschen Fernsehen zu Tode erzählten Kriminalfilm Variationen abtrotzen, die die Zuschauerin aufmerken lassen: Als Tatwaffe dient im Bremer Tatort ein Auto, das deshalb töten kann, weil es sich per Elektromotor lautlos anschleicht und durch dunkle Lackierung und ausgeschaltetes Licht unsichtbar ist in der Dunkelheit. Der Fahrer – darauf müssen Inga Lürsen (Sabine Postel), Stedefreund (Oliver Mommsen) und die Neue aka Linda Selb (Luise Wolfram) erst mal kommen – orientiert sich mittels Nachtsichtgerät. Damit sieht er zudem aus wie der Frosch mit der Maske aus dem gleichnamigen Wallace-Film.

Solche Bilder ruft der Tatort (Regie: Florian Baxmeyer, Kostüm: Astrid Karras) nicht zufällig auf, er bewegt sich mit seinen Erfindungen durch die Vorstellungen, die das Kino von der Wirklichkeit entworfen hat. Dem Film ist nicht daran gelegen, "realistisch" zu wirken oder wie immer das Wort heißt, zu dem Tatort-Filme sich in der Publikumswahrnehmung verhalten sollten (dass sie etwas über unsere Gegenwart sagen). Trotzdem – die hübsche Titelsequenz präsentiert ein übertrieben, fast erotisch eingeseiftes Auto in Großaufnahmen – entkommt der Film dem Schematismus des ARD-Sonntagabendkrimis nicht völlig.