Gerade kann man sich die wöchentliche Folge neuer Tatort-Filme wie einen ansprechenden Hochsprungwettbewerb vorstellen. Die Latte liegt nach der soliden Luzerner und der originellen Bremer Episode relativ hoch, qualitativ betrachtet. Und die neue Kieler Folge Borowski und das dunkle Netz (NDR-Redaktion: Sabine Holtgreve) reißt nicht, wie man in der Sprache der Hochsprungbeobachterinnen sagt. Sie hat die Höhe, touchiert hinten raus die Latte, die aber liegen bleibt.

Hinaus aus dem Reich der Metaphern! Verantwortlich für den Kieler Fall sind der, wie es solchen Fällen unbedingt heißen muss, frischgebackene Grimme-Preisträger Thomas Wendrich als Drehbuchautor und David Wnendt als Regisseur und Ko-Autor. Wnendt (Feuchtgebiete, Er ist wieder da) ist zweifellos ein Styler unter den gegenwärtigen deutschen Filmemachern. Was das bedeutet, zeigt der fulminante Auftakt von Borowski und das dunkle Netz.

Die Kamera blickt aus der Perspektive eines jungen Stutzers mit Wolfsmaske auf das Rumgeballere in einem Fitnessstudio, das er veranstaltet, um den Mann zu töten, dessen Foto er mit sich führt. Das geht nicht so reibungslos wie geplant, weshalb die Zuschauerin, immer noch in der Point-of-View-Einstellung, mit ansehen muss, wie sich der Wolfsmaskenauftragsmörder mit dem Besitzer des Fitnessstudios prügelt, ehe er ihm entkommt. Am Ende der Tat übernimmt die Überwachungskamera die Perspektive, die sich nach einem weiteren Schnitt als Blick auf den Monitor realisiert, vor dem dann Klaus "Boro" Borowski (Axel Milberg) und Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) erstmals in diesem Film stehen.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Eine – zumal für die Verhältnisse des Tatort – elaborierte Montage (Schnitt: Robert Rzesacz, Kamera: Benedict Neuenfels): Die drastische Shooter-PoV-Einstellung wird in zwei Schritten abgemildert auf die ARD-Sonntagabendkrimiberuhigung, bei der die Ermittler immer nur als Garanten für Ordnung und Sicherheit fungieren. Der anfängliche Schrecken weicht auch, weil diese Schnittfolge die Krassheit der Tat schon historisiert: Was als miterlebte Gegenwart beginnt, wird durch den Auftritt von Boro und Brandt bereits als Vergangenheit angeguckt.

In dieser Bewegung ist der Umgang mit dem "Thema" des Films verborgen: Das Darknet wird nicht in erster Linie als Schrecken verbreitendes Gegenwartsphänomen präsentiert (und die hübsch animierten Erklärfilme sind heitere Varianten, sich dem Informationsdruck nicht durch stumpfes Aufsagen zu beugen). Der Tatort erregt sich nicht wie zu Beginn dieser Saison in Stuttgart gruselnd an furchtbaren Realitätsteilen, sondern aktualisiert durch die Tiefen des Internets die Krimistandards: Borowski und das dunkle Netz kann seinen Auftragskiller zu Beginn auch deshalb so effektvoll in Szene setzen, weil der nur Werkzeug in der Hand eines anonymen Hintermanns ist. Der Täter wird also gezeigt, aber nicht verraten. Der böse Wolfi ist nichts anderes als einer dieser Fernsteuerungstricks, die später im Film Lichter ausgehen oder Sprinkleranlagen angehen lassen.