"Mein Tatort-Boykott bleibt bis auf Weiteres bestehen. Sonntagabends ein Buch zu lesen ist auch sehr schön." Diese beiden Sätze kann "meinereiner" (Bugs Bunny) berufsbedingt leider nicht mit geschwellter Brust vor sich her tröten. "Man" (Christian Wulff) will nicht klagen, denn jemand muss den Text doch schreiben, unter dem sich der Stolz, seine Lebenszeit nun nicht mehr mit Falschem zu verschwenden, das Rausposaunen des absichtsvollen Verzichts aus besserem Wissen anlagern können wie Muscheln und Seepocken am Rumpf eines putzig vor sich hin schippernden Schiffs.

Auch diesen Sonntag wieder. Also sieben Tage nach dem Improvisationsversuch mit Lena Odenthal, den Springers Bild nur mit "gut" bewertete und dessen Quoten (hochgerechnete 6,35 Millionen Zuschauer) die Börsianer unter den Fernsehbeobachtern zu großer Form auflaufen ließen ("10-Jahres-Tief"). Bei der Montagmorgenlage im SWR wäre man freilich schon gern Mäuschen gewesen. Aber vielleicht sind die auch cool drauf und sagen sich: Quoten sind was für Privatsender, die ihre Werbezeiten berechnen müssen, unser Auftrag ist das Wahre, Gute, Schöne, und da gehört das Scheitern dazu.

Kriegsverbrecher oder Freiheitskämpfer?

Die Schweizer Folge Kriegssplitter (Debüt bei der SRF-Redaktion: Adrian Illien) sprüht jedenfalls den Duft der Versöhnung in die Welt. Endlich wieder ein normaler Krimi! Mit einer relativ spannenden Handlung! Einer, zumeist von Liz Ritschard (Delia Mayer) vorangetriebenen, lebendigen Ermittlung. Und selbst die Mühselig-Beladenen unter uns, deren beengtes Herz nur dann frei schlagen zu können glaubt, wenn all die Menschen unter dieser einen Sonne in "die" und "wir" geschieden sind, können dem Tatort umgehend "Realismus" bescheinigen, weil die Täter keine von diesen genetisch schon immer so anständigen Deutschen, äh, Schweizern sind, sondern Ausländer. Und dann bringen die sich auch noch gegenseitig um. 

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Wobei, da gehen die Diskussionen schon wieder los. Denn zum einen fliegt am Anfang ein – dem äußeren Eindruck nach – autochthoner Enthüllungsjournalist die Wand des Hotels hinunter, in dem Flücki Flückiger (Stefan Gubser) gerade ein Schäferstündchen mit seiner verheirateten Affäre abhält. Und zum anderen ist Nurali Balsiger (Joel Basman) als Kind in die Schweiz gekommen und führt mit Frau, Baby, Auto ein so wohlständig-bürgerliches Leben, dass die Mühselig-Beladenen Probleme hätten, in ihm die Chimäre wiederzuerkennen, die ihren Frust verursacht. Die gerade erst aus Tschetschenien nachgereiste Zwillingsschwester Nura (Yelena Tronina) ist jedenfalls so beeindruckt vom geregelten Leben ihres Bruders, dass sie am Ende versucht, sich für den Schuss auf den grimmigen Onkel (Jevgenij Sitochin) in Stellung zu bringen, damit das Glück weitergehen kann.

Die Geschichte von Kriegssplitter (Buch: Stefan Brunner, Lorenz Langenegger) interessiert sich allerdings gar nicht für Ressentiments. Die Händel um den Onkel werden durch Flucht vor tschetschenisch-russischen Konflikten lediglich nach Luzern verlagert, um einen Thriller zu erzählen. Denn es sucht nicht nur Nura aus familiären Gründen nach ihm, es sind auch schweigsame Killer und diplomatische Mächte auf seiner Spur. Der Onkel hat eine neue Identität, und man weiß nicht, ob er Kriegsverbrecher oder Freiheitskämpfer ist.

Tragik-Taumel am Schluss

Vor der Erörterung solcher mitunter komplizierter Fragen bremst Kriegssplitter allerdings ab. Etwas tiefer führt die Erzählung ins Feld des Familiären, wenn auch hier vage bleibt, ob nun der Onkel die Kinder vor der eigenen Mutter beschützt oder ob er diese Mutter als Selbstmordattentäterin missbraucht hat. Es geht dem Tatort sowieso um die Gefühle, die aus diesen Streits resultieren und die sich als tragisch etikettieren lassen: dass das Töten innerhalb der eigenen Familie kein Ende nimmt und jeder Versuch der Befreiung wieder nur in neue Schuld führt.

Größte Attraktion des Luzerner Tatort ist folglich der Tragik-Taumel am Schluss, eine Standardsituation des ARD-Sonntagabendkrimis, die hier ausführlich zelebriert wird. Sie kündigt sich an, noch bevor es zum Showdown in Onkels Geheimversteck kommt, und zwar durch die hübsch vergeblich vor sich hinblubbernde Musik (Fabian Römer). Verzweiflung wird in leere Gesichter geschrieben, Trauer in Zeitlupen ausgekostet, und am Ende, wenn die Violine auch den Journalisten in den Tod geklagt hat, steht Flücki auf dem Balkon hinter der Gardine und schaut stumm in die Ferne.

Für die Zuschauerin eine Win-win-Situation (und vermutlich deshalb so beliebt): Es ist ein bisschen traurig, aber man kann auch nichts machen. Kriegssplitter ist souverän inszeniert (Regie: Tobias Ineichen) und öffnet den Blick auf den immer so unglaublich akkuraten, sauberen Beton, aus dem Luzern gemacht ist – die Stadt sieht hier sehr gut aus (Kamera: Michael Saxer).