"Ideen braucht man, wenn die Fakten fehlen", heißt es in einer Szene des neuen Münsteraner Tatort: Fangschuss (WDR-Redaktion: Nina Klamroth). Ein Satz, der gut als Credo für das Drehbuchschreiben taugen könnte, für die Erfindung einer neuen Welt. Beim Tatort kann man gut beobachten, dass sich vieles, was am Anfang erdacht wird, bald erledigt. Während die ersten Folgen noch aus Wetten auf möglichst prägnante Figuren bestanden, regiert am Standort Münster nach 15 Jahren und 30 Episoden die Erfahrung – was wichtig ist für den Tatort, wie die Praxis des Erzählens längst erwiesen hat.

Derweil verschwindet, was nicht funktioniert. Ins Museum der ungenutzten Ideen gehört in Münster etwa der Einfall, dass Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) nicht nur einen Taxi fahrenden "Vaddern" hat (der in dieser Folge zum zweiten Mal fehlt – entschuldigt durch den Hinweis auf einen Urlaub in Goa), sondern auch einen Sohn. Der war von Beginn nicht sonderlich geliebt, wohnte deshalb bei der von Thiel getrennt lebenden Mutter und die dann zur Sicherheit noch in Neuseeland. Das letzte Mal wurde das Kind, wenn ich richtig aufgepasst habe, im zehnten Münster-Fall erwähnt, Das zweite Gesicht aus dem November 2006. Die Älteren unter uns werden sich erinnern.

So wie die Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter, die den Tatort in Münster schließlich erfunden haben. Und die nun mit der Figur der jungen Leila (Janina Fautz) oder Frau Schlumpf, wie Boerne (Jan Josef Liefers) sie ob ihrer blauen Haare lustigerweise einmal nennt, den verlorenen Sohn kurz ins Gedächtnis rufen. Müssen. Denn Frau Schlumpf bewirbt sich als unbekannte Tochter aus einer früheren Affäre um Quartier bei Thiel. Ein merkwürdiger Vorgang, schließlich geht es um die Privatsphäre, und die neugierige Frau verfolgt offensichtlich noch andere Ziele als den Vaterschaftstest: eine Erpressung.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Für den Horror, den so eine Anlage verbreiten könnte, erscheint die Hinter/Cantz-Welt naturgemäß viel zu idyllisch. Fangschuss ist ein Kriminalfilm, der seine Motive und Erzählstränge fein säuberlich runtererzählt und nebenher Witze macht. Weshalb man es fast für Ironie halten mag, wenn die Musik (Günther Illi) einen Anflug von Melodram bekommt und der Abschied Frau Schlumpfs vom Investigativjournalisten Jens Offergeld (Christian Maria Goebel), dem anderen Kandidaten für den unbekannten Vater, den sie sucht, als potenzielle Liebesgeschichte rühren will. So nah wie die Kamera den tränend-strahlenden Augen von Leila will der Tatort Münster den Gefühlen doch gar nicht kommen.

Der bald tote Offergeld ist die Kreuzung zweier Skandale, die selbst Frau Schlumpf lange nicht auseinanderhalten kann: eine Futtermittelfabrikschweinerei und eine unangenehme Haarwuchsmittelnebenwirkung. Spannung ist nicht unbedingt das richtige Wort für die Art und Weise, wie Fangschuss entwickelt ist (Regie: Buddy Giovinazzo) – vieles bleibt auch deshalb bis zum Ende offen, weil es dem Zuschauer schlicht unklar ist. Die entscheidenden Attribute des Falls sind allerdings gut markiert: Etwa der im Schlüsselbund-Anhänger-Pinguin versteckte USB-Stick, auf den Frau Schlumpf zufällig stößt und der mit einem Mal all die erzählerische Energie bindet, die zuvor diffus durch den Raum waberte.  

Oder auch Boernes neu entdeckte Jagdleidenschaft, durch die einerseits die Haarwuchsmittelerfinderin und Freizeitjägerin Frau Freytag (die große Jeanette Hain) unverdächtig eingeführt werden kann. Und die andererseits kräftige Bilder und komische Dialoge produziert – allein das zu Recht sogenannte Jägerlatein ("Kipphasen", "Schwarzkittel", "Losung") bietet unendlich viel Stoff für Formulierungen, die vom Standardtext abweichen.

Gut geölte Variation des Immergleichen

Der Tatort Münster präsentiert sich mit Fangschuss in reifer, fast könnte man sagen, exemplarischer Form: eine gut geölte Variation des Immergleichen, die vor der Anne Will-Runde mit den Problemen von morgen noch mal wegblendet in eine überschaubar-putzige Welt und dabei anspruchsvoller bleibt als der konkurrierende Rosamunde-Pilcher-Schaum im ZDF. Das, was den Blick auf Newsfeeds oder in die Tagesschau mitunter verdrießlich macht, verschwindet hier hinter süffiger Unterhaltung.

Im Keller der nicht mehr verwendeten Einfälle aus der Anfangszeit lagert übrigens auch Nadeshda Krusensterns (Friederike Kempter) Migrationsgeschichte. Sie kam im Alter von Zwölf aus Odessa nach Deutschland, hieß es seinerzeit. Was einem in Fangschuss in den Sinn kommt, als die Futtermittelfabrikanten nach der Bürodurchsuchung frohlocken, dass ein Großteil der Akten in Ukrainisch verfasst wäre. Aber für die Akten interessiert sich dann ja keiner mehr.