Wenn ein Psychotherapeut in einem deutschen Fernsehfilm eine Serie von Rainer Werner Fassbinder bewirbt, kann es nicht allzu gut stehen um das aktuelle TV-Programm. "Kennst Du Acht Stunden sind kein Tag von Fassbinder?" fragt der Mann (Joachim Król) betrunken seinen Barkeeper. "Ich kenn nur Stirb langsam 3?", antwortet der und grinst.

Ende der sechziger Jahre hatte der WDR Fassbinders Serie über den Alltag von Arbeiterfamilien produziert. Die fünf Folgen liefen 1972 und 1973 als bewusstes Gegenprogramm zum Heile-Familien-Fernsehbild der BRD. 45 Jahre später hat der WDR nun Über Barbarossaplatz entwickelt, eine Serie über drei Kölner Psychotherapeuten, und es ist alles andere als klar, ob sie es jemals ins Programm schaffen wird. Schon der Pilotfilm hat eine Debatte im Sender ausgelöst. "Die ARD-Fernsehfilm-Koordination hat auf breiter Basis diesen Film diskutiert und entschieden, dass dieser unkonventionelle Film nicht zur Primetime Mittwoch, sondern erst zu späterer Uhrzeit ausgestrahlt werden soll." Diese Erklärung steht, wohlgemerkt, im Presseheft. Man ahnt den Konflikt, den diese Entscheidung "auf breiter Basis" ausgelöst hat.

An dem 20.15-Uhr-Platz hängt nämlich nicht weniger als die Finanzierung der gesamten Serie. Auf die Frage, ob der WDR Über Barbarossaplatz nicht einfach für den späten Dienstagssendeplatz produzieren könne, antwortete der Fernsehfilm-Chef Gebhard Henke der Süddeutschen Zeitung: "Außer für Debütfilme steht auf dem späten Dienstagssendeplatz kein Etat für Reihen zur Verfügung." Ein zweiter Teil ist in Vorbereitung, an ihm wird sich wohl entscheiden, ob die Serie Primetime-tauglich wird.

Es geht also darum, was dem deutschen Fernsehzuschauer zugemutet werden kann – und was sich die Fernsehredakteure zu senden trauen. "Wir wollen einen 'poetischen Realismus' wagen", steht schon fast trotzig in der Pressemappe zum Film, so, als ob hier ein paar Filmstudenten ihre Abschlussarbeit erklären wollten. Es ist aber der WDR-Fernsehspiel-Chef Henke selbst, der hier schreibt, der Pilotfilm könne "aufgrund seiner Ruppigkeit und der Explizitheit, mit der er den Menschen als sexuelles Wesen mit all seinen Abgründen zeigt", den Zuschauer möglicherweise verstören.

Hart ist er schon, Jan Bonnys Film über traumatisierte Therapeuten. Doch bis auf eine recht explizite Sexszene zeigt er nichts, was man so nicht auch in einem üblichen 20.15-Uhr-Krimi gesehen hätte. Wahrscheinlich ist es eher die filmische Sprache, die man dem Eventfernsehzuschauer nicht zumuten will: eine Handkamera (Hubert Schick), die den Zuschauer unvermutet in Szenerien wirft, Schnitte, die man so nicht erwartet hätte, einen Soundtrack (Caroline Cox und Lucas Croon), zusammengemixt aus Geräuschen des Kölner Verkehrs und Free-Jazz-Passagen.

Köln hat die interessanteste Rolle in diesem Film. Die Stadt ist lärmig und aggressiv, keine Spur Kölner Fröhlichkeit. Der Verkehrslärm des titelgebenden Barbarossaplatzes übertönt jedes Gespräch, die Menschen sind brutal, überall wird geschoben und gedrängelt, es ist immer zu voll und zu laut.

Die Protagonisten haben sich in diesem Lärm eingerichtet und wenn man sagt, dass sie damit ihre innere Stille übertönen wollen, ist das wörtlich gemeint. Greta (Bibiana Beglau) reagiert äußerlich sehr gefasst auf den Suizid ihres Mannes Rainer, der zugleich ihr Praxispartner war. Ihr Kollege Adrian (Shenja Lacher) antwortet mit seltsamen Witzen und ist unangenehm übergriffig. Gretas früherer Lehranalytiker Benjamin (Joachim Król), bei dem sie Rat sucht, verliert dagegen kein Wort zu viel.