Abgetrennte Gliedmaßen fliegen in Zeitlupe durchs Bild, Wikinger hacken am nordamerikanischen Strand aufeinander ein. Ein Mann wird aus dem Gefängnis entlassen. Wir beobachten seine letzten Tage dort. Der Drehort ist ein echtes Gefängnis in Oklahoma. So sind die Spielregeln in American Gods: Extreme Stilisierung in einer Szene und beobachtender Realismus in der nächsten.

Die Welt von American Gods ist der Mittlere Westen der USA. Flaches Land, austauschbare Städtchen, Casinos, Bars und Regionalflughäfen. Szenen, die sich von dieser Welt entfernen, werden mit "Somewhere in America" angekündigt. Der Witz ist, dass das "Somewhere" immer identifizierbar ist – als Chicago, Brooklyn, Los Angeles. Shadow Moon, der Haftentlassene und Hauptfigur der Serie, hingegen scheint eine Welt zu durchqueren, die nicht einmal "Somewhere" ist, sondern einfach – Amerika.

In eben jenem uramerikanischen Nirgendwo begegnet Shadow Moon einem Herrn, der sich Mr. Wednesday nennt. Er hat ein Glasauge und behauptet, er habe sein Auge für Wissen geopfert. Spätestens jetzt dürfte nicht nur jedem guten Wagnerianer klarwerden, mit wem Shadow durch die USA jettet.

Die neuen Götter bekommen mehr als Lammblut

Wotan/Wednesday nimmt ihn als seinen "Aide-de-camp, meinen Castellan" auf die Suche nach Göttern und Fabelwesen, die es in die Vereinigten Staaten verschlagen hat. Viele von diesen metaphysischen Einwanderern entsprechen dem, was Carl Gustav Jung "Trickster" nannte: mephistophelische Spieler und Spielverderber, wie Low Key Lyesmith (Loki), Mr. Nancy (der westafrikanische Gott Anansi) oder die altslawische Gottheit Czernobog.

Mit ihnen will Mr. Wednesday in eine endzeitliche Schlacht ziehen gegen neue, zeitgemäßere Götter, wie zum Beispiel Internet und Fernsehen. Eine ihrer Vertreterinnen ist Lucy Ricardo aus der 50er-Jahre Sitcom I Love Lucy, hier gespielt von Gillian Anderson. Den neuen Göttern opfert man, so erklärt sie es Shadow, "Zeit und Aufmerksamkeit, viel besser als Lammblut."

Die Serie basiert auf Neil Gaimans Roman American Gods von 2001. Sie lässt sich Zeit mit dem Material. Gaimans Roman war ein mythologisches Road Movie. Eine Hymne auf die Weiten Nordamerikas, die ethnischen Enklaven und die vielen lokalen Mythologien, die vielen Träume und Ängste, die mitgeschleppt wurden in die neue Welt und die hier, unter dem grellen Flackern des Fernsehbildschirms, langsam zu verbleichen drohen.

Die Fernsehfassung stammt von Bryan Fuller, der zuletzt die halluzinatorische Serie Hannibal schuf, mit Mads Mikkelsen als Hannibal Lecter. Obwohl die Serie mit ihren Schwertern, Fabelwesen und Gewaltexzessen natürlich auf das Game-of-Thrones-Publikum schielt, weicht American Gods den vielen Game-of-Thrones-Nachahmern sowohl visuell als auch erzählerisch gekonnt aus. Statt Realismus und psychologischer Genauigkeit setzt diese Serie auf das Psychedelische, auf das Karnevaleske: ein Büffel, dem Feuer aus den Augenhöhlen schießt, ein Mann, den die Vagina einer babylonischen Fruchtbarkeitsgöttin verschluckt.

Was ist Mythologie anderes als systematisierter Bullshit?

Aber American Gods ist nicht nur grotesker als die Konkurrenz, sondern auch konzentrierter. Statt sich auf disparate Handlungsstränge und ständige Vorwärtsbewegung zu stützen, verbringt sie viel Zeit mit einzelnen Figuren, holt auch schon mal eine Episode lang Vergangenes nach. Es geht nicht primär um das von hier nach da kommen. Die Serie verbringt viel Zeit mit Bullshit, entweder dem Bullshit, den die Figuren einander auftischen, oder den, den die Serie den Zuschauern serviert.

Je nach individueller Toleranzgrenze kann es manchmal zu viel sein, aber der Bullshit hat natürlich System: denn was ist Mythologie anderes als systematisierter Bullshit? Es geht den Machern aber nicht nur um das bloße Spiel mit Mythenschätzen, sondern um die Frage, wozu solche Schätze gut sind, gerade in den USA. Statt wie sonst in Fantasy üblich bei Joseph Campbell zu plündern, bedient sich American Gods eher bei Ludwig Feuerbach, mit einer Prise Marshall McLuhan.