Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und linearen Serien, auf Netflix, Amazon, Sky und im "Free-TV"? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer neuen Kolumne Hildegard von Binge besprechen wir künftig die interessantesten Neustarts des Monats. Hildegard, eine Televisionärin und multiple Autorenpersönlichkeit, verrät Ihnen auch, welche Serien Sie sich ersparen sollten. 

"Better Call Saul"

Die dritte Staffel von Better Call Saul beginnt mit einem fast prophetischen Bild: Jimmy McGill (Bob Odenkirk), endlich angekommen in seinem neuen Anwaltsbüro, übermalt den kitschigen Regenbogen an der Wand des Wartebereichs. Das neue Graffito soll den Sonnenaufgang über dem Sandia-Berg von Albuquerque darstellen, aber eigentlich sieht es aus wie ein fallender Aktienkurs. Diese gezackte Linie könnte auch Jimmys Lebenslinie sein.

Es gibt wohl wenig Serien, die sich so viel Zeit für die Entwicklung ihrer Figuren nehmen wie Better Call Saul – wobei man eigentlich eher von einer Rückentwicklung sprechen muss: Das Prequel zu Breaking Bad zeigt, wie der durchtriebene Rechtsanwalt Saul Goodman zu dem Mann wurde, der er ist – vom Paulus zum Saulus. Jimmy McGill, wie er in Better Call Saul noch heißt, ist ein bisschen Schelm, ein bisschen Hallodri, ein bisschen Kleinkrimineller, aber niemand, der anderen bewusst wehtun würde. Im Laufe der ersten beiden Staffeln hatte sich der Grundkonflikt zwischen ihm und seinem erfolgreichen und schwer paranoiden Anwaltsbruder Chuck (Michael McKean) herauskristallisiert. Wie diese beiden Männer einander lieben und dennoch ständig zutiefst verletzen, findet in der dritten Staffel einen tragischen Höhepunkt und kommt den großen Brüderkämpfen der Theatergeschichte schon recht nahe.

Eskalierender Bruderzwist: Chuck (Michael McKean, li.) und Jimmy McGill (Bob Odenkirk) © Netflix

All dies erzählt Better Call Saul in sehr verlangsamtem, fast schon trägem Tempo, als ob die heiße Wüstensonne Albuquerques das Drehbuch hätte zerfließen lassen. Auch als cliffhangersüchtiger Serienkonsument geht man mit auf diese Reise. Und verfolgt in Echtzeit, wie Enttäuschung, Verrat und die Unerbittlichkeit der amerikanischen Leistungsgesellschaft einen Menschen langsam austrocknen lassen. (Carolin Ströbele)

Die dritte Staffel von Better Call Saul läuft jeweils dienstags auf Netflix.