Aktuelle Ereignisse wechseln ihre emotionale Temperatur wie das Chamäleon seine Farbe. Eben noch haben mich die Bilder verstört, die die gasvergifteten Kinder in Syrien zeigen. Gleich darauf geht es schon um die "Mutter der Bomben", die in Afghanistan ein Tunnelsystem zerstörte. Am Karfreitag, an dem Christus einst gestorben war, eilt ein Flugzeugträgerverband im Pazifik, schwer bewaffnet, jedoch offenbar in die falsche Richtung, nach Süden.

Der Ansturm unterschiedlichster Nachrichten macht es mir schwer, was mich innerlich am meisten bewegt, im Kopf zu bewahren. Unser Herz braucht Anker im Langzeitgedächtnis.

Der Sprecher des US-Präsidenten vergleicht Assad mit Hitler, Hitler habe im Zweiten Weltkrieg kein Gas eingesetzt. Soweit es um das Sarin geht, das in Syrien gewütet hat und eine deutsche Erfindung ist, eine der projektierten Wunderwaffen, hat er recht. Das Gift hatte Hitler gehortet, aber nicht eingesetzt. Dass Trumps Sprecher die Tötung durch Gas in den Konzentrationslagern des Dritten Reichs nicht erwähnte (oder nichts davon wusste), macht dann den Shitstorm berechtigt. Es fehlt immer an "Zusammenhang".

Der 1932 geborene Schriftsteller und Publizist Alexander Kluge möchte mit seinen Multimedia-Essays ein kulturelles Langzeitgedächtnis schaffen. © Britta Pedersen/dpa

Solcher Zusammenhang ist keine Sache des Verstandes, sondern entsteht tief im Gefühl. Für dessen Darstellung brauchen wir eine Öffentlichkeit, die auch längere Geschichten oder komplexe Konstellationen kurzer Geschichten aushält. So liest Anselm Kiefer im folgenden Beitrag das Giftgaslied von 1916. Von Rolf Hochhuth erfahren wir, wie sich die Frau des Giftgasexperten Prof. Dr. Haber aus Protest gegen das Wirken ihres Mannes umbrachte. Hans Magnus Enzensberger berichtet vom Giftgashandel, der 1918 mit dem Ankauf von nicht mehr gebrauchten Gasvorräten begann, Ende der zwanziger Jahre zahlreiche Hafenarbeiter in Hamburg und zuletzt 1978 Kinder eines Kindergartens tötete.

Der Nobelpreisträger Carl von Ossietzky, der den Hafenarbeiter-Skandal, also ein Teilstück der langen Giftgasgeschichte aufdeckte, geriet dafür wegen "Aufdeckung eines illegalen Staatsgeheimnisses" ins Gefängnis, wo ihn die Nationalsozialisten vorfanden. Dass sie ihn umbringen konnten, ist indirekt durch die Giftgasgeschichte verursacht.

Man müsste viel mehr erzählen. Ich wäre glücklich, wenn ich das nächste Mal über etwas Lustiges berichten könnte.


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Giftgas - Anselm Kiefer liest das "Gaskampflied" © Foto: Alexander Kluge

Schnee über Venedig

nach einem Vers von Ben Lerner

In dichten Flocken fiel Schnee auf die Stadt. Vor Stunden noch eisig, war er jetzt zu warm, um auf den Dächern der Palazzi Halt zu finden. Das grüne Wasser der Lagune verzehrte den Schnee rasch.

Das war kein arktischer Schnee. Dieser Schnee über Venedig kam aus Afrika. Kalter Zorn war in der Gebirgszone aufgestiegen, in denen französische Pioniere, ausgebildet als Reparateure von Autokarosserien, laienhaft in Bezug auf Giftgas, die Höhlen, in denen sie Tuareg-Rebellen vermuteten, aus ihren Kanistern besprühten. Die Klagetöne der Frauen, deren Männer sie umgebracht hatten, lagen ihnen die ganze Nacht hindurch, unstillbar, unabstellbar, in den Ohren, raubten den müden Soldaten Frankreichs den Nachtschlaf. Von den Totenhöhlen aber stieg Zorn zum Himmel, verharrte unterhalb der Stratosphäre, die warme Strömung beherbergt, zog nach Norden und gelangte als Wetterwunder über die Lagunenstadt, ein Seelenzustand, der erst über der tausendjährigen Stadt wie Tränen sich in Regen verwandeln, wieder in Berührung zur Erdoberfläche geriet. Kalter Zorn. Dass der Schnee taute, täuscht.


Giftgas - Gas! "Wie eine Vielzahl leiser Pfiffe" © Foto: Alexander Kluge

Sarin nachts auf der Donau

Nächtlich an der Donau fuhren im April 1945 Lastkraftwagen an Flusskähne heran, die im Uferdickicht versteckt lagen. Fässer wurden auf die Kähne geladen. Die Fässer waren unbeschriftet. Die Kapitäne der sechs Flussfahrzeuge legten noch in der Dunkelheit Kilometer für Kilometer auf der Donau zurück, flussaufwärts. Sie sorgten für Abstand zum Ostfeind.

Erst Jahre später erfuhren die Beteiligten, dass sie die Nervengase Tabun und Sarin dem Zugriff des Feindes auf dem Strom hatten entziehen sollen. Tagsüber sollten sie auf einem Nebenarm der Donau unter überhängenden Zweigen Schutz suchen.

– Äußerst gefährlich.
– Dies war eine der Wunderwaffen, von denen so viel gesprochen wurde. Das tückische Gas wirkt auf die Nerven und konnte binnen Sekunden Menschen töten.
– Wenn man eine Methode gewusst hätte, es wirksam zu versprü­hen.
– Wie man es versprühen sollte, war nicht klar. Eine Zeitlang hieß es, Flugzeuge sollten das Gas über London absprühen, sozusa­gen mit umgebauten Rasensprengern.
– Die wahrscheinlichste Kontamination entsteht bei einem Un­fall, wenn das Gas transportiert wird.
– Deshalb war ja das Herumtransportieren in der Nacht so gefährlich.
– Vom Führer so angeordnet. Noch immer empfand er ein gehei­mes Grauen bei der Erwähnung von Gas.
– Es war aber kein Gas im Sinne des Ersten Weltkriegs, sondern neues Teufelszeug.

Giftgas - Clara Haber protestiert gegen den Gaskrieg © Foto: Alexander Kluge

Der Erfinder des Blitzkriegs

Der Erfinder des Blitzkriegs hieß Oskar von Hutier. Kommandeur der deutschen 8. Armee, die 1917 die Offensive auf Riga vortrug. Den Führungsgehilfen Hutiers gelang der einzige Giftgasangriff, der durchschlagenden Erfolg hatte. "Erstmals kam den deutschen Waffen zugute, dass sie in Richtung der Westströmung des Wetters angewandt werden konnten." Die russische Front wurde durchbrochen, der erblindete Feind, soweit er noch atmete, war nicht bereit, sich erneut zu versammeln. Von Hutier behielt noch 16.000 Tonnen Giftgasmunition übrig.

Giftgas - Das Jahr 1929 Hans Magnus Enzensberger über den Giftgashandel © Foto: Alexander Kluge

"Eisessen bis zur Vergasung"

Populärer Ausdruck, üblich in der Stadt Frankfurt am Main im Jahre 1928. Von Theodor W. Adorno mitgeteilt. Der Philosoph und Soziologe deutet den merkwürdigen Satz als eine Verschiebung von Erlebnissen des Ersten Weltkriegs, des Gaskriegs vor Verdun und an der Somme, auf ein entgegengesetztes Bild: Das Schockbild wird ersetzt durch ein Genussmittel – Speiseeis, das als Erleichterung empfunden wird. Auf­fällig, so Adorno, sei der lange Zeitraum zwischen erlebtem Schreckensbild und Umsetzung in Alltagsjargon. Dagegen – so betont er Max Horkheimer gegenüber – gehe es bei dem Ausdruck nicht um eine Vorausahnung der Ver­gasung in Auschwitz.

Giftgas - Wer die Massaker nicht erinnert, pflegt sie © Foto: Alexander Kluge

Weitere Multimedia-Essays von Alexander Kluge sind erschienen bei dctp.tv.