"Ok, nur zu, unterschätzen Sie mich." Viele Frauen haben diesen Satz zumindest schon einmal gedacht. Nach einem ungebetenen Rat, einem besserwisserischen Kommentar, einer tätschelnden Hand. Sophia denkt diesen Satz nicht, sie spricht ihn laut aus. So laut wie alles andere, was sie fühlt, denkt oder auch nicht durchdacht hat. Impulskontrolle? Nicht vorhanden. Sophia nervt. Aber das muss man aushalten.

Zumindest als Zuschauerin der Serie Girlboss, die jetzt auf Netflix läuft. Erzählt wird das Leben der Unternehmensgründerin Sophia Amoruso, die mit Anfang 20 begann, Vintage-Kleidung auf eBay zu versteigern. Aus der Not, schnell Geld verdienen zu müssen, entstand das Modeunternehmen Nasty Gal. Mit 32 Jahren stand die US-Amerikanerin auf der Forbes-Liste der erfolgreichsten Self-Made-Frauen der Welt. Jünger war nur noch Taylor Swift.

Amoruso machte aber nicht nur einen Umsatz von 100 Millionen Dollar im Jahr, sie galt vor allem vielen jungen Frauen als Vorbild. In ihrem Podcast sprach sie mit anderen Firmenchefinnen über Karriere und Erfolg. Ihren Bestseller Girlboss bezeichnete die Girls-Erfinderin Lena Dunham nicht als Buch, sondern als "Bewegung". Amoruso erzählte den amerikanischen Traum auf Instagram: ohne Collegeabschluss baute sie ein Millionen-Imperium auf, sah dabei auch noch so gut aus, dass sie für ihre eigenen Klamotten modeln konnte, heiratete ihre große Liebe und sagte manchmal "Fuck you", ohne sich sofort zu entschuldigen. Ein wunderbares Drehbuch. Ein einziger Tag im Leben der Serien-Sophia (Britt Robertson) reicht für ein ganzes Millennial-Leben in Berlin. Sophia ist 23, lebt in einem Apartment in San Francisco, hat kein Geld, eine große Klappe, von ihrer besten Freundin verabschiedet sie sich am Telefon mit: "Übrigens, falls ich sterbe: Ich liebe dich." Doch als Sophia mal wieder ihren Job verliert, weil sie meistens unpünktlich, unfreundlich oder beides zugleich ist, gerät sie in ernsthafte Geldnot, ihre Wohnung wird ihr gekündigt.

Was tun? Sie folgt natürlich ihrer Leidenschaft. Durch Zufall entdeckt sie eine Designerjacke in einem Trödelladen und verkauft das Ding auf eBay. Als dieser Fund ihr die Miete einbringt, durchforstet die junge Frau noch mehr Vintage-Läden nach alten Klassikern, klaut sich ein Buch über das eBay-Business und eröffnet einen Shop auf der Versteigerungsplattform. Mit Erfolg. Die Klamotten inszeniert sie selbst, springt als Model vor die Kamera und hat Erfolg damit.

Zukunft? Keine Ahnung. Gegenwart? Oh Mann.

Kay Cannon, bekannt als Drehbuchautorin und Produzentin von New Girl und 30 Rock, hat auch Girlboss als überdrehte Comedy angelegt. Sophia ist unglaublich anstrengend. Ah! Oh! Nein! Doch! Sie ist die Louis de Funès der Millennials. Jeder Gedanke fällt einfach so aus ihr heraus. Glück, Wut, Trauer und Euphorie wechseln sich sekündlich ab und zwar so heftig, als wäre Sophia nicht Anfang 20, sondern 14. Ihre  Welt dreht sich jeden Moment um etwas anderes, aber vor allem immer um sie selbst. Regeln? Keinen Bock. Zukunft? Keine Ahnung. Gegenwart? Oh Mann. Verantwortung? Dislike.

Die Schattenseiten dieses Lebens blendet die Serie aus. Wenn Sophia Mülltonnen nach Essen durchwühlt, kommt sie mit einem leckeren Sandwich und perfekter Frisur wieder hervor. Der undefinierbare Furunkel, der ihr auf dem Bauch wächst, sieht auf ihrem makellosen Körper eher wie eine verrutschte Beule aus.  Und als sie einen Teppich klaut, lässt der Verkäufer sie ziehen, weil er sie so schön findet. Als Sophia jedoch später in ihrer Designerjacke auf diesem Teppich vor ihrem Panoramafenster sitzt, ist sie trotzdem traurig. Weil sie kein Geld hat, aber Papa nicht danach fragen will. Und weil ihr Furunkel wehtut.