ZEIT ONLINE: Wie sehr haben Sie heute Lust, jemandem in die Fresse zu schlagen?

Jakob Lass: (lacht) Gerade gar nicht. Null.

ZEIT ONLINE:In Ihrem Film Tiger Girl geht es um zwei Freundinnen, Vanilla und Tiger, die eine immer größere Lust an willkürlicher Gewalt finden. Wie kamen Sie auf diesen Plot?

Lass: Ich habe mit meinen Co-Autoren über viele Themen diskutiert. Als Über-Thema kristallisierte sich Ohnmacht heraus. Gleichzeitig fanden wir das Milieu des Sicherheitsdienstes sehr interessant. Und dann hatte ich die ganze Zeit diesen Titel im Kopf: Tiger Girl! Ich wollte eine überhöhte Superheldin schaffen.

ZEIT ONLINE: Weibliche Gewalt im Film wird häufig psychologisiert. Im Rape-and-Revenge-Genre beispielsweise wird der Protagonistin etwas angetan, wofür sie sich rächt. Sie verzichten gänzlich darauf, Vanilla und Tiger ein Motiv für ihre Gewalttätigkeit zu geben. Warum?

Lass: Das Überpsychologisieren reizt mich überhaupt nicht. Ich finde, man darf Geschichten auch mal anders erzählen, ein bisschen märchenhafter. Mich interessiert nicht die Kindheitsgeschichte meiner Protagonistinnen. Es ist doch viel spannender, zu zeigen, was gerade passiert, in diesem Moment.

Jakob Lass, geboren 1981 in München, studierte an der Filmuniversität Babelsberg in Potsdam. Seinem Film "Love Steaks" (2013) liegt ein eigenes Regelwerk zugrunde: FOGMA verschreibt sich, in Anlehnung an die dänische Dogma-Bewegung, einem gemeinschaftlichen, improvisierten Prozess am Set. "Tiger Girl" eröffnete die Panorama-Sektion der diesjährigen Berlinale. Seine Verfilmung von Tino Hanekamps Roman "So was von nah" erscheint 2018. © Pascal Le Segretain/Getty Images

ZEIT ONLINE: Die Gewalt in Tiger Girl hat etwas sehr Ästhetisches: In gleißenden Slow-Motion-Bildern entdeckt die anfänglich verzagte Vanilla ihr Aggressionspotenzial. Was bezwecken Sie mit dieser Stilisierung von Gewalt?

Lass: Die Stilisierung überhöht die Gewalt und hebt sie auf eine andere Ebene. Außerdem verändert sich die Art, wie wir Gewalt zeigen. Es gibt Momente, die überhöhter sind, und Momente, die naturalistisch sind und wehtun. Es ist ein Tänzchen. (lacht)

ZEIT ONLINE: Ihr letzter Film Love Steaks zeigte zwei junge Leute in der hierarchischen Arbeitswelt eines Hotels. In Tiger Girl absolviert Vanilla eine Ausbildung in einem Sicherheitsdienst, in dem "Druck, Drall und Geschwindigkeit" die entscheidenden Parameter sind und weiblicher Widerspruch als "Zickenterror" gilt. Was reizt Sie an diesen autoritären Strukturen?

Lass: Macht und Ohnmacht, aber auch Dominanz und Unterwerfung interessieren mich sehr, auch Machtverhältnisse innerhalb einer Freundschaft. In Tiger Girl wird Macht auf vielen Ebenen thematisiert: die Strukturen der Ausbildung, die Idee von Uniform, die Idee von Gewaltenteilung im Staat und im Kontrast dazu der private Sicherheitsdienst.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten gerne mit Laiendarstellern zusammen: Das Hotelpersonal in Love Steaks wurde von Hotelpersonal gespielt, die Auszubildenden beim Sicherheitsdienst sind reale Auszubildende. Im poetischen Realismus, einer literarischen Strömung im 19. Jahrhundert, galt der Goethesche Ausspruch "Greif nur hinein ins volle Menschenleben / Da wo du's packst, da ist's interessant". Ist das auch Ihr Credo? Immer schön reingreifen?

Lass: Ich versuche, die Sachen, die mich am Filmemachen begeistern, miteinander zu verbinden. Ich liebe die Schauspielkunst, gleichzeitig reizt mich das Dokumentarische. Tiger Girl ist die Kombination aus improvisierter Arbeitsweise und dokumentarischen Elementen. Ich wollte versuchen, innerhalb eines Films vom Naturalismus in die Überhöhung zu gehen und wieder zurück, ohne dass es den Film auseinanderreißt.

"Kino kann kein politisches Engagement ersetzen"

Machtausübung in Security-Uniformen: Vanilla und Tiger © 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Fogma

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das mit den Schauspielerinnen Ella Rumpf und Maria Dragus umgesetzt?

Lass: Ich habe ihnen zum einen viel Freiheit in der Improvisation gegeben. Zum anderen haben wir im Vorfeld Kampftraining gemacht. Ella hat für die Figur der Tiger das Katzenwesen studiert, um dem Charakter etwas Tigermäßiges zu verleihen. So ein Tiger ist ein riesiges, wahnsinnig schweres Tier, gleichzeitig ist er aber ganz leichtfüßig und schnell. Er hat eine weiche, schlummernde Kraft. Am Set habe ich den beiden dann im Geheimen Aufgaben gegeben, sodass sie jeweils nicht voneinander wussten, was die andere vorhat. So habe ich versucht, Konflikte zu programmieren.

ZEIT ONLINE: Mit Tiger Girl lösen Sie die Forderung nach der Womance im Film ein, dem Pendant zur Bromance, der Männerfreundschaft. Frauen treten im Film oft als Einzelkämpferinnen auf, selten als Freundinnen.

Lass: Dass es eine Freundschaftsgeschichte wurde, entstand erst im Laufe der Stoffentwicklung. Tiger Girl war als Titel und als grobe Figurenidee von Anfang an da. Dann haben wir gemerkt, dass wir noch eine weitere Figur brauchen für die Themen, die wir verhandeln wollten.

ZEIT ONLINE: Stand die Idee im Raum, aus Tiger und Vanilla ein Liebespaar zu machen?

Lass: Die kam uns während des Drehs, vorher gar nicht. Aber dann dachten wir: Das wäre doch super langweilig, solche Filme gibt es auch schon. Außerdem steckt ja in jeder Freundschaft eine Anziehung, nicht unbedingt eine sexuelle, aber eine romantische. Ich finde, bei den beiden Frauen spürt man das. Sie sind ja auch in Wirklichkeit schon seit vielen Jahren befreundet.

"Wir sind ganz schön autoritätshörig"

ZEIT ONLINE: "Ich mag deinen Arsch", sagt Tiger in einer Szene zu einem Polizisten. In einer anderen nötigen Tiger und Vanilla, in Security-Uniformen gekleidet, einen Passanten dazu, sich komplett auszuziehen. Warum lassen Sie Ihre Protagonistinnen solch eine stereotyp chauvinistische, übergriffige Verhaltensweise imitieren?

Lass: Wenn Tiger sagt: "Ich mag deinen Arsch", zitiert sie damit ein Stereotyp, und kehrt es damit ins Ironische um. Und gleichzeitig denke ich, dass auch Frauen solche Machtfantasien in sich tragen. Tiger und Vanilla wollen sehen, wie weit sie mit dem Passanten gehen können. Das ist natürlich eine Überhöhung, viele haben diese Szene angezweifelt. Aber ich glaube, dass wir uns im Namen der Sicherheit schon ziemlich viel gefallen lassen und ganz schön autoritätshörig sind. Da kann es dann schon mal passieren, dass man nackt dasteht.

ZEIT ONLINE: Vanilla verkörpert anfangs den weiblichen Entschuldigungsdrang, dauernd tut ihr etwas leid. Zudem gibt es mehrere Szenen, in denen sexuelle Belästigung gezeigt wird. Wie viel feministischer Diskurs steckt in Tiger Girl?

Lass: Ich selbst bin Feminist, ganz eindeutig. Aber wir haben nicht versucht, einen Film mit Agenda zu machen. Viele von Vanillas Eigenschaften sind genauso bei Männern zu finden, das ist nicht zwangsläufig etwas Geschlechterspezifisches. Ich will keine Filme machen, die einen politischen Auftrag haben. Ein Film soll und kann Gedankenwelten und Gefühlswelten kreieren, aber Politik muss man in der Politik machen. Und das leider in total langweiligen und traurigen Gremien. Ins Kino zu gehen kann kein politisches Engagement ersetzen.

"Ich wiege mich in meiner Ohnmächtigkeit"

ZEIT ONLINE: Gemeinsam kämpfen Tiger und Vanilla gegen ein schwer zu greifendes Feindbild. System, Gesellschaft oder Patriarchat – Sie bleiben da bewusst unklar.

Lass: Als wir vor einigen Jahren angefangen haben, an dem Film zu arbeiten, war die politische Situation noch eine ganz andere. Und ich hatte damals das Gefühl, dass Ohnmacht ein Gefühl unserer Generation ist. Eines, hinter dem ich mich manchmal auch verstecke. Mich macht so vieles in unserer Gesellschaft so unglaublich wütend, aber ich stagniere vor der scheinbaren Komplexität, und wiege mich in meiner Ohnmächtigkeit.

ZEIT ONLINE: Hat sich das geändert?

Lass: Das hat sich massiv geändert, viel mehr Leute engagieren sich inzwischen politisch, insgesamt sind wir viel politischer geworden, weil die Notwendigkeit einfach viel deutlicher geworden ist: Es muss jetzt passieren, nicht irgendwann. Das gilt auch für die fiktiven Figuren in meinem Film: Sie müssen sich ihren Raum erkämpfen. Wobei ich nicht behaupte, dass sie mit bestem Beispiel vorangehen. (lacht) Aber man will ja auf der Leinwand auch keine Leute sehen, die das Richtige tun. Man will Leute sehen, die unsere Fantasien oder unsere Ängste ausagieren. Tiger und Vanilla im politischen Gremium, das wäre leider kein guter Film.

ZEIT ONLINE: Tiger Girl war der Abschlussfilm Ihres Studiums an der Filmuniversität Babelsberg. Beginnt jetzt eine neue Ära?

Lass: Für mich nicht. Aber für den deutschen Film. (lacht)