Film - Michael Ballhaus ist tot Der einflussreiche Kameramann Michael Ballhaus ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Ballhaus war einer der wenigen Deutschen, die in Hollywood erfolgreich Karriere machten. © Foto: Oliver Dietze/dpa

Er führte eines dieser seltenen Leben, die eher vom Gelingen geprägt sind als von Fehlschlägen. Das Scheitern schien in der Biografie von Michael Ballhaus keinen Platz zu haben. Es gibt wohl keinen Kameramann, der so erfolgreich war und gefeiert wurde wie er. Ein Ehrgeiz dieses sich stets bescheiden gebenden Mannes hat sich dennoch nicht erfüllt: Er habe es nie darauf angelegt, sagte er mir einmal in einem Interview, einen bestimmten Stil zu kreieren. Vielmehr wollte er, dass jeder Film von ihm anders aussieht.

In den meisten Fällen würde jedoch jeder Laie sofort erkennen, wenn bei einem Film Ballhaus hinter der Kamera stand. Er war ein unverwechselbarer Stilist, der jeden Film mit einer eigenen Signatur der raumgreifenden, taumelnden Agilität versah. Die große Ausstellung über den Regisseur Rainer Werner Fassbinder im Berliner Martin-Gropius-Bau führte vor ein paar Jahren noch einmal vor Augen, was für ein unverkennbares, stilbildendes und einflussreiches Markenzeichen die 360-Grad-Fahrt geworden ist, mit der Ballhaus erstmals 1973 in Martha experimentierte. Es ist ein magischer Augenblick, eine der unvergesslichsten Begegnungen der deutschen Filmgeschichte, wenn die Kamera hier unversehens Margit Carstensen und Karlheinz Böhm mit bedrängender Eleganz umkreist.

Seither ist diese Bewegung hundertfach imitiert worden – von ihm selbst jedoch nur dann, wenn der Kunstgriff dramaturgisch passte. Darin wiederum erfüllte sich Michael Ballhaus' Ehrgeiz doch, die Kamera als ein dienendes Instrument zu betrachten: Nie soll sie sich verselbstständigen, denn das lenkt nur von der Geschichte ab. So konnte es geschehen, dass er sich die Unschuld eines neugierigen Zuschauers bewahrte: Während der Premiere von Martin Scorseses GoodFellas, so berichtete er einmal, habe er anfangs völlig vergessen, dass ja er den Film fotografiert hatte.

"Der Schnellste, Mutigste und Beweglichste"

Sein Handwerk lernte der 1935 in Berlin geborene Ballhaus auf Umwegen. Ursprünglich wollte er Schauspieler werden wie seine Eltern, wurde von ihnen aber erst einmal in eine Fotografenlehre geschickt, um dann als 14-Jähriger ihre Bühnenauftritte mit der Rolleiflex festzuhalten. Seine erste Begegnung mit dem Kino, das ist fast schon zu schlüssig, um wahr zu sein, fand 1955 während der Dreharbeiten zu Lola Montez in den Studios der Bavaria statt. Dort konnte er als Zaungast miterleben, wie Max Ophüls ein letztes Mal seine einzigartig eleganten, schwelgerischen Kamerafahrten inszenierte.

Kurz darauf fing Ballhaus als Kameraassistent beim Südwestfunk an. Dort begegnete er dem Regisseur Peter Lilienthal, mit dem er später auch im Kino zusammenarbeiten sollte. Lilienthal erinnerte sich, er sei "der Schnellste, Mutigste und Beweglichste" gewesen, den er in dieser Branche kennenlernte. In den bewegten Jahren von 1967 bis 1969 lehrte der stets besonnene Ballhaus erstmals an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

Ein Jahr später begann mit Whity seine Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder, die 15 Filme umfassen sollte und 1978 in Die Ehe der Maria Braun kulminierte. Ballhaus war ein wiedererkennbarer Kameramann geworden, mit sicherem Gespür für Rhythmus und das Augenfällige, wie etwa die gesättigten Farben in Fassbinders Eine Reise ins Licht demonstrieren. Obwohl er weiter regelmäßig fürs Fernsehen arbeitete, prägte seine Arbeit mit Lilienthal, Hans W. Geißendörfer und Volker Schlöndorff entscheidend das Antlitz des Neuen Deutschen Films.