Mord und Korpsgeist im Uniformierten-Milieu: Wem die Beklemmung aus dem Tatort über einen toten Polizeiausbilder vom Sonntag noch nicht reicht, kann sich am späten Montagabend gleich wieder über die Untiefen am Rande eines Polizistenmords gruseln – diesmal aber zu verorten in der Realität der deutschen Kriminalgeschichte.

Für die Dokumentation Tod einer Polizistin rollen die Filmemacher Clemens und Katja Riha den Mord an der Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter auf, die am 25. April 2007 in Heilbronn erschossen wurde. Der neben ihr im Streifenwagen sitzende Kollege Martin A. wurde schwer verletzt und lebt bis heute mit den Folgen. Täter waren den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft zufolge Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, Mitglieder der rechtsextremen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Ihre Komplizin Beate Zschäpe ist als Mittäterin im Münchner Prozess angeklagt, wie auch bei den neun vorigen Morden gegen acht Türken und einen Griechen.

Was für die Bundesanwaltschaft ein klarer Fall ist, strotzt auch bei wenig genauem Hinsehen vor Verstrickungen und sonderbaren Zufällen. Der Fall Kiesewetter ist die Zuspitzung aller Ungereimtheiten im NSU-Komplex.

Die Verfehlungen beginnen schon vor dem Mord. Die aus Thüringen stammende Kiesewetter beginnt ihren Dienst im September 2005 bei einer Einheit in Böblingen. Ihr Vorgesetzter war einige Jahre zuvor einer Abordnung des rechtsextremen Ku-Klux-Klan beigetreten und hatte an Ritualen mit weißer Kutte und brennenden Kreuzen teilgenommen. Kiesewetter wird als verdeckte Ermittlerin im Rauschgiftmilieu eingesetzt, "verheizt", wie es der Politikwissenschaftler Hajo Funke nennt. Eine Dealerin erzählt vor der Kamera, wie die junge Polizistin ihr Heroin abgekauft und dann probiert habe. Daraufhin wurde die Drogenverkäuferin verurteilt.

Kiesewetter hatte also schon Feinde, als sie an ihrem Todestag mit ihrem Kollegen A. zur Mittagspause auf der Theresienwiese, einem Kiesplatz am Ufer des Neckar, hielt. Es ist kein Ort, an dem Polizisten normalerweise Pause machen. Warum die Beamten dorthin gefahren sind, ist nicht bekannt. Dem Ermittlungsergebnis zufolge schlichen sich Mundlos und Böhnhardt von hinten an den Streifenwagen, gaben die Schüsse ab und stahlen den Opfern ihre Pistolen – als Fanal gegen die Staatsmacht, wie die Bundesanwaltschaft meint.

Auf dem Parkplatz herrscht Chaos. Der Tatort wird nur notdürftig abgesperrt. Passanten, die etwas gesehen haben könnten, schicken die Einsatzkräfte einfach fort. Urplötzlich sind Kollegen Kiesewetters, die an dem Tag frei haben, vor Ort. Vor dem Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag geben sie später nur knapp und dürftig Auskunft – "als ob sie was zu verbergen hätten", meint der Journalist Thomas Moser, mit dessen Recherchen weite Teile der Dokumentation bestritten werden.

Durch Interviews mit Freunden, Journalisten, Politikern und Kriminalexperten entsteht in der Dokumentation eine schaurige Nummernrevue aller Widersprüche des Polizistenmords – der Möglichkeit eines Tatablaufs entsprechend dem offiziellen Ermittlungsergebnis wird in der Zusammenstellung keinerlei Platz eingeräumt. Dafür allerdings auch weniger harten Fakten: So wird ein angebliches Überwachungsprotokoll eines amerikanischen Geheimdienstes vorgestellt, das 2011 dem stern zugespielt worden war und Verbindungen in islamistische und rechtsextreme Kreise belegen soll. Ein Hinweis, dass das Papier mittlerweile nahezu sicher als Fälschung gilt, fehlt.