Geht es nach dem Spielfilm Stille Reserven, dann sind Wiens heitere Tage gezählt. Ausgerechnet jene Stadt, die jüngst zum achten Mal in Folge zur lebenswertesten der Welt gekürt wurde, erscheint hier dystopisch-düster, in schmutzigen, verwaschenen Tönen. Von Farben zu sprechen, wäre ein Euphemismus.

Wir schreiben das gar nicht mehr so ferne Jahr 2033, doch Spaß scheint schon lange niemand mehr zu haben. Erst recht nicht Vincent Baumann (Clemens Schick), Assekuranzagent im Außendienst. Schwarzer Anzug, schwarze Krawatte, weißes Hemd, das dunkle Haar zum Scheitel gegelt: Der stets eisig dreinblickende Mann mit den hohen Wangenknochen erinnert wahlweise an einen Bestatter oder aber einen Vampir. Wobei beides seiner täglichen Arbeit zur Ehre gereichen würde, denn Baumann verkauft Todesversicherungen.

In jener höchst unwirtlichen Welt, in die uns der Regisseur und Drehbuchautor Valentin Hitz (Kaltfront) in seinem ersten Kinofilm nach 13 Jahren versetzt, darf niemand mehr selbstverschuldet sterben. Zumindest nicht, ohne zuvor eine entsprechende Police abgeschlossen zu haben. Was einem unterversicherten Kunden passiert, wird früh deutlich: Ein schwer bewaffnetes Einsatzkommando rückt an, startet eine sofortige "Notreanimation", die den Lebensmüden nicht etwa retten soll, sondern zunächst in einen "permanent vegetativen Zustand" versetzt, um ihn anschließend in eine Geriatrie zu verfrachten, in der die wahrhaft lebenden Toten fortan in einem Dämmerzustand an Schläuchen und Kabeln vor sich hin vegetieren.

Kino - "Stille Reserven" (Trailer) "Stille Reserven" (Trailer) © Foto: 20th Century Fox

Eine stilisierte Sanduhr bildet das Logo von Vincent Baumanns Firma. In deren Videobotschaften an die Kunden erscheint das klassische Begräbnis im Sarg als Erlösung, der selbstgewählte Tod hingegen als Verbrechen. "Sie wissen, was mit Ihnen geschieht, wenn Sie verschuldet sterben?", fragt Baumann wölfisch in die Kamera. "Sie werden künstlich am Leben erhalten und müssen Ihre Schulden abbezahlen." Wie das funktioniert? Von jedem Menschen kann nach dessen Ableben ein Restpotenzial aktiviert werden, selbst wenn Organe und Motorik unbrauchbar geworden sind. So werden etwa die im Gehirn gespeicherten Daten gewinnbringend weitergenutzt.

Stille Reserven erzählt von einer konsequent durchkommerzialisierten Gesellschaft, in der nicht mal mehr der Tod umsonst ist. Zugleich hat sich die soziale Schere höllenschlundartig aufgerissen: Wer es sich leisten kann, wohnt im Einfamilienheim auf der einen Seite des Highways, die große Mehrheit aber verwahrlost auf der anderen Seite in Plattenbauriegeln, durchnummerierten "Sektoren". Wiens Zentrum heißt "Euro Corp City Vienna", dort recken sich bloß noch Bürotürme in die Höhe.

Doch nicht alle haben sich mit dem tristen Status quo abgefunden. Eine Gruppe von Aktivisten kämpft im Untergrund für das "Recht auf Tod", allen voran Lisa Sokulowa (Lena Lauzemis). Ihre Wege kreuzen sich bald mit denen von Baumann, der weitere Verlauf des Films folgt den vertrauten Mechanismen eines Sci-Fi-Thrillers mit romantischem Einschlag. Zu vorhersehbar entwickelt sich der Plot, auch zieht der Film kaum einmal sein Tempo merklich an.

"Quantified Self" als Exzess

Als deutlich faszinierender erweist sich die Zukunftswelt selbst, die Hitz und sein Team mit großer Liebe zum Detail erdacht haben. Ein Dauerfrösteln befällt einen angesichts der durchgehend blassen, stahlblauen Bilder als Ausdruck jener innerlich erkalteten Gesellschaft, in der jede Form von Menschlichkeit längst dem Zwang zur Effizienz und Verwertbarkeit gewichen ist.

Auch seine Drehorte bescheren dem Film tolle Aufnahmen. Als Sitz von Baumanns Konzern dient etwa der Lesesaal des Berliner Grimm-Zentrums, der Hauptbibliothek der Humboldt-Uni. Die langgezogene, terrassenförmig angelegte Halle liefert mit ihren einschüchternden Dimensionen einen großartigen Schauplatz für die Schaltzentrale eines totalitären Überwachungssystems.

Dazu bringen Clemens Schick und Lena Lauzemis sowie Stipe Erceg in einer Nebenrolle die nötige physiognomische Strenge und Kantigkeit mit; gelächelt wird im Jahr 2033 ohnehin kaum noch. Und wer sich doch weich und nachgiebig zeigt, den siebt das System gnadenlos aus, wie den von Simon Schwarz mit Hundeblick gespielten Arbeitskollegen Baumanns.

Sie haben Ihren Höhepunkt erreicht

Die Schreckensvision vom gläsernen Menschen ist hier zur Realität geworden, die heute bereits als Quantified Self bekannte Bewegung der Selbstvermessung und -optimierung aus dem Ruder gelaufen. Sogar beim hastigen Bürosex mit der Chefin misst Vincent Baumanns Armbanduhr die Serotoninausschüttung und teilt den schnaufenden Kombattanten mit, wann der Höhepunkt erreicht ist. Eine schöne Anregung für die Hersteller sogenannter Wearables.

Dass Hitz seine Dystopie in die recht nahe Zukunft legt und nur dosiert Sci-Fiktionales zeigt, erweist sich als kluge Entscheidung. So speist sich der Horror gerade daraus, dass alles durchaus denkbar erscheint und unserer Lebenswirklichkeit nicht völlig enthoben.

Zum ernsthaften Diskurs über Sterbehilfe regt Stille Reserven trotzdem kaum an. So kunstvoll kühl alles inszeniert ist, so emotional fern bleibt einem letztlich das Geschehen. In der mit Abstand berührendsten Szene des Films steht Lena Lauzemis im Paillettenkleid und mit weißer Bubikopfperücke auf der Bühne eines Nachtclubs und singt April Stevens' einst anrüchig erotische Weise Teach Me Tiger, kraftvoll und suggestiv. Es sind die letzten Spuren von Gefühlswärme in dieser seelenlos gewordenen Welt.