Die Dortmunder Tatort-Folge Sturm (WDR-Redaktion: Frank Tönsmann) ist unversehens zum Brandenburger Tor der ARD geworden – zu einem Symbol, das die Schwere seiner Symbolhaftigkeit unterschätzt hat, zu einer schillernden Projektionsfläche, an der so viele Gegenwartsaspekte verhandelt werden, dass man damit Diskussionen in medienwissenschaftlichen Seminaren semesterlang am Laufen halten könnte. Anfang des Jahres war Sturm wegen des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt geschoben worden – nachdem, und das macht die Debatten nur aufregender, der Tatort-Kritiker von Spiegel Online auf gewisse Ähnlichkeiten zwischen Wirklichkeit und Krimifolge hingewiesen hatte.

Dabei kann man in dem Hinweis statt einer Sensibilität für Trauma-Trigger auch die mediale Nervosität erkennen, die Terroranschläge bezwecken – mit der Folge, dass die Ausstrahlung von Sturm nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus des in Dortmund ansässigen BVB am vergangenen Dienstag erneut infrage gestellt werden muss. Programmplanung wird auf diese Weise zu einem Politikum, weil sie sich jedes Mal rechtfertigen muss, den jeweils kommenden Tatort nicht in den Farben der jüngsten Nachrichtenwirklichkeit angestrahlt zu haben. Weswegen die Seminardiskussion irgendwann darüber gehen würde, was einen Film überhaupt vom echten Leben unterscheidet, was, kurz gesagt, Realismus ist.

Denn die Vorstellungen, die sich mit diesem Begriff verbinden, sind auf den Hund gekommen. Den Mühselig-Beladenen, die vergangene Woche nach dem Franken-Tatort in gewohnter Manier "Klischees", "Erziehung" und "Zwangsgebühren" schnaubten, fiele die Antwort zum Beispiel leicht: Sie werden angesichts der Sturm-Episode "Realismus" brüllen, weil Realismus im Deutschland des Jahres 2017 für einen bestimmten Menschenschlag dann herrscht, wenn die eigenen Ressentiments bedient werden. Eine argumentative Komplexität, wie man sie aus dem Kindergarten kennt. Oder, in den Worten Botho Straußens geseufzt: "Das kritische Bedenken der Lage erfährt seine eigene Krise."

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Realismus hat im Tatort aber einen schweren Stand, insofern man an den Filmen zuerst studieren kann, wie, sagen wir, Realitätspartikel durch die Moulinette der Drehbuchentwicklung gejagt werden, damit am Ende noch ein wenig Thema am Spielfilm kleben bleibt: Sturm (Drehbuch: Martin Eigler, Sönke Lars Neuwöhner, Regie: Richard Huber) entscheidet sich ja gerade nicht, einen Anschlag geschehen zu lassen und danach atemloses Täterermitteln und Indizienpuzzlen zu betreiben, was durchaus eine spannende Variante sein könnte, breaking news in eine Spielhandlung zu überführen. Vielmehr läuft das übliche Programm ab: ein Initial-Doppelmord an zwei unbeteiligten Polizisten (der vom Ende her betrachtet nicht sonderlich zwingend erscheint), danach Fallmoderation mit viel Text und überraschendem Ausgang für die Ermittler. Das hat mit der Wirklichkeit so viel zu tun wie Kermit mit einem Frosch.

Hat fast was Komisches

Der Dortmunder Tatort liefert deutsche Fernsehfilmingenieurskunst "vom Feinsten" (Dirk Thiele) – statt Einblicke ins Milieu disparater Anschlagsverüber zu geben, vollzieht sich ein Familiendrama aus dem Märchenbuch, bei dem ein konvertierter Papa namens Muhammad Hövermann (Felix Vörtler) die meiste Zeit mit falschem Sprengstoffgürtel vor dem Computer in der Bank verbringt, in der er sonst auch arbeitet, und irgendwelche Transaktionen tätigt. Was für ein beruhigend-bescheuertes Bild: Terror zeigt sich in Sturm als Fortsetzung des freudlosen Angestelltendaseins über die Kernarbeitszeit hinaus. Und der Kommissar schaut zu, quatscht dazwischen und organisiert um den Sprengstoffpapi herum eine Familienaufstellung in wechselnden Besetzungen.

Wenn's Muhammad Hövermann zu gemütlich wird, dann droht er mit Explosion, und dabei streckt er den Arm von sich, als hielte er in der Faust einen Wasserschlauch, mit dem er alle anderen vollspritzen kann. "Hat fast was Komisches", sagt im besten Dialogsatz des Films Sohnemann Bernie (Christian Ehrich), als er dem schwitzenden Vater seinen Besuch abstattet – derselbe Bernie, der am Ende hinter der ganzen Intrige steckt, weil seine Computerfirma pleite ist und nach Papas illegalen Transaktionen verlangt. So einen beknackten Einfall muss man erst mal haben: Das grellste, medial attraktivste Verbrechen, der Terror, ist im Rahmen des ARD-Sonntagabendkrimis dazu da, einen Raub zu tarnen.