Fabian Hinrichs ist so was wie der Thomas Müller unter den Tatort-Kommissaren. Ein Schauspieler, dem man zutraut, dass er "den Unterschied macht" (Béla Réthy), auf den man schaut in der Hoffnung, dass er in jeder Sekunde etwas Unerwartetes tun könnte. Einer, von dem man sich gar nicht wünscht, dass er dieselben Wege geht wie alle anderen. Auf diese Weise ist Hinrichs im Tatort aus Franken gelandet, als Nachhall der Verzückung, die von Alexander Adolphs epochaler Münchner Folge Der tiefe Schlaf seinerzeit ausging – als erfüllter Kinderwunsch ("Noch mal"). Dabei war Hinrichs' Gisbert Engelhardt auch eine Figur, die die Bezeichnung tragisch verdiente. So was gelingt dem Tatort nicht jede Woche.

Am Ende geht man nackt (BR-Redaktion: Stephanie Heckner) heißt die mittlerweile dritte Franken-Folge, in der Hinrichs' Kommissar Felix Voss an der Seite von Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) ermittelt – allerdings ohne dass sich etwas von den Erwartungen erfüllt hätte, die mit dieser Besetzung verbunden waren. Im neuen Fall stößt Voss urlaubsbedingt erst später zum Team (mit anderen Worten: Er bekommt einen großen Auftritt). Deshalb kann er undercover in eine Gemeinschaftsunterkunft von Flüchtlingen eingeschleust werden, auf die ein Brandanschlag verübt worden ist, bei dem eine Frau ums Leben kam.

Der Fall (Buch: Holger Karsten Schmidt, Regie: Markus Imboden) ist nicht uninteressant, weil er den für den Tatort immer auch schwierigen Bezug zur aktuellen Weltlage relativ elegant herstellt: Er setzt an einem jener Verbrechen an (Brandanschlag auf Wohnorte von geflüchteten Menschen), die in der letzten Zeit permanent geschehen, aber in der Timeline-, Talkshow- und Leitartikelöffentlichkeit keinen übermäßigen Buzz erzeugen – erst recht bei den Mühselig-Beladenen, die ihre Meinungen und Meldungen immerfort zu kurz gekommen sehen. Dann wird noch hinzugedacht, was den Tatort in Bewegung setzt (eine Leiche), und ab geht die Ermittlung im ökonomischen (Grundbesitzer), politischen (Neonazis) und eben persönlichen Umfeld (Mitbewohner) der getöteten Nayla Mafany (Dayan Kodua).

Das Undercover-Ding kam noch nie gut

Dass dafür nun aber ausgerechnet Kommissar Voss in das Untereinander der Gemeinschaftsunterkunft hineingesetzt wird, ist ungefähr so, als ließe man Thomas Müller als Torwart auflaufen: Das Spiel von Hinrichs lebt doch gerade nicht von der Mimikry an möglichst verschiedene Typen, sondern von seiner Eigenwilligkeit und den komischen Idiosynkrasien, die Schauspieler wie er  – oder der einst in Leipzig ermittelnde Martin Wuttke – an Frank Castorfs Berliner Volksbühne ausprägen konnten. Einen so spezifischen Schauspieler wie Hinrichs in einer Umgebung verschwinden machen zu wollen, ist fast schon böswillig.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Überhaupt, das ganze Undercover-Ding. Das kam noch nie gut (die Folgen mit Tatort-Undercover-Kommissar Cenk Batu sind auch daran gescheitert), es steht immer vor dem Problem, dass die Prominenz der Hauptfigur sich mit dem Untertauchensollen beißt, zumal sich, wie Voss hier auch, selbst Undercover-Polizisten wie Polizisten benehmen, also neugierige Fragen stellen. Für alles andere bräuchte es zu viel Zeit; etwa einer Kommissarin dabei zuzusehen, wie sie nur zuguckt und sich einfügt und etwas über die Dynamiken unter den Menschen erfährt.

In Am Ende geht man nackt scheint dieser Gedanke zu reifen, je länger der Film dauert: Er scheint sich fast in dem Maße von der Idee der verdeckt ermittelnden Polizisten zurückzuziehen, wie sich Vossens tschetschenischer Akzent aus seinem Deutsch ausschleicht. Zum Schluss ist es auch egal, dass der Kommissar auffliegt, weil ein Magnet und keine Menschenhand den Raum verschlossen hatte, in dem Neyla Mafany zu Tode kam.

Es prallen in diesem Nürnberger Tatort zu viele verschiedene Register aufeinander, als dass daraus ein gelungener Film werden könnte. Der durch das Undercover-Ding versuchte zurückhaltend-dokumentarisierende Blick in die Welt der Gemeinschaftsunterkunft wird konterkariert durch den instant-tragischen Paukenschlag, der am Schluss noch mal die Emotionen hochfahren soll: Little Basem Hemidi (Mohamed Issa), der doch eigentlich nur seinen Bruder sucht, muss mit dem Top-Verchecker Said Gashi (Yasin El Harrouk) einen fix hininszenierten Einbruch absolvieren, damit er von einem John Wayne der Nürnberger Villenviertel zusammengeballert werden kann und auf dem heimischen Sofa, in der leeren Chipstüte suchend, geseufzt werden kann: "Ach, schade, dann wird das ja nichts mehr mit der Anerkennung."