Das Serielle in der beliebten Fernsehreihe Tatort hat bereits die Wissenschaft beschäftigt. Und es ist, seit Serien zu den schicksten Erzählgebilden des Filmischen avanciert sind, auch im ARD-Sonntagabendkrimi vorgekommen, dass folgenübergreifend erzählt wird. Das klappt aber eigentlich nur in Rostock.

Deshalb empfiehlt sich für den Tatort als Modell von Fortsetzung eher die Variante, die von der Münchner Folge mit dem schönen Titel Der Tod ist unser ganzes Leben (BR-Redaktion: Stephanie Heckner, redaktionelle Mitarbeit: Lucia Vogdt) vorgestellt wird: die Wiederaufnahme, Fortschreibung, Übermalung einer vorangegangenen Episode. In Die Wahrheit (Buch: Erol Yesilkaya) war zu Beginn dieser Tatort-Saison relativ spektakulär ein Fall nicht aufgeklärt worden, obwohl der Krimi sich Mühe gab, die Polizei beim Arbeiten zu zeigen – Massen-DNA-Probe inklusive.

Der Tod ist unser ganzes Leben (Buch: Holger Joos, nach einer Idee von Yesilkaya) kommt darauf ohne formalisiertes "Was bisher geschah" zurück. Der Franz (Udo Wachtveitl) wird zu Beginn einfach in eine Anhörung gesetzt und kann so in kurzen Strichen den ungelösten Fall aus Die Wahrheit in Erinnerung rufen – den zufällig-sinnlosen Mord an einem Familienvater, dessen Witwe mit dem Kind zurückblieb und besonderen Trost beim Ivo (Miroslav Nemec) fand.

Das Böse, Blöde, Freche

Der erste Film ließ die Krimilogik ins Leere laufen, weil der Täter nicht gefunden, das Rätsel nicht gelöst, die Ordnung nicht wiederhergestellt wurde. Der neue Tatort lässt die Krimilogik ins Leere laufen, weil der Täter festgenommen wird und zwar umgehendst: eine Überwachungskamera bei einer neuerlichen Zufallstat und die DNA-Spur reichen aus, damit der professionelle Museumsbesucherinnenzähler Barthold (Gerhard Liebmann) sich den Hütern des Gesetzes ergibt. Trieb die Kommissare beim ersten Mal das Nicht-Wissen in den Wahnsinn, ist es nun das Nicht-Verstehen: Barthold ist das Böse, Blöde, Freche, eine amoralische Figur, die sich allen Erklärungen verweigert.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

So stellt sich in Der Tod ist unser ganzes Leben die Frage nach dem Sinn neu: Was kann die Festnahme des Schuldigen dem Schmerz der Hinterbliebenen erzählen, wenn an ihr nicht wenigstens eine überzeugende Geschichte hängt? Der Ivo jedenfalls hält hamlethaft einen großen Verzweiflungsmonolog über den Frust, der von der Fernsehpolizeiarbeit am Ende übrig bleibt ("Keine Frau und kein Leben, nur Leichen"). Und das macht die statuarische Bulligkeit plausibel, mit der er, aber auch der Franz ihre Gesichter durch den Film tragen.

Als wären sie schon Denkmäler

In Die Wahrheit regierten Gereiztheit und Nervosität die Ermittlerkörper, in Der Tod ist unser ganzes Leben werden sie von Gram und Schwermut übers Feld geschoben, als wären sie schon die Denkmäler, die man ihnen einmal bauen soll. So hat man den Franz und den Ivo lange nicht gesehen. Man kann schon auch den Eindruck haben, der Tatort trage deshalb so schwer an seinen Gefühlen, weil er damit um die überschaubare Handlung herum Zeit schinden kann, genauso wie einem der ganze, im Tatort überaus beliebte Düsternis-Chic mit dunklen, kahlen, kühlen Räumen aus Beton (Regie: Philip Koch) ein wenig zu wuchtig erscheint.

Aber der Film hat eine Idee vom Krimi, die er vorzutragen weiß: Aus dem Polizeiarbeitsversagen in Die Wahrheit, die von ein wenig Hierarchien-Hickhack angetrieben wurde, wird eine gepflegte Beziehungskrise zwischen den beiden sonst so gütigen Onkels, über die und mit denen schon alles erzählt worden ist.

In die gut geölte Paarmechanik streut dieser Tatort Sand. Spannung wird nicht ans Täterfinden delegiert, sondern an die Frage, welche Perspektive denn nun stimmt. Und es ist überaus süß, dass der Ivo den Tod Bartholds an einer Stelle damit begründet, er habe gedacht, der Mörder habe auch den Partner Franz auf dem Gewissen – eine Äußerung von Zuneigung zwischen den Hauptfiguren, die einen in diesem Gefühlschlamassel um Rache und Harm überrascht.