Dear White People sollte ursprünglich 2 Prozent heißen. Das nämlich ist der Anteil schwarzer Studierender an US-amerikanischen Elite-Hochschulen. Das fiktive Winchester in Justin Simiens Serie (und seiner gleichnamigen Komödie von 2014) ist einem solchen Ivy-League-College nachempfunden. Ein ehrwürdiger Campus, ein Ort des freien Lernens und unabhängigen Denkens, an dem sich intelligente junge Menschen auf gut dotierte Arbeitsbiografien vorbereiten. Ein Platz, an dem man Rassismus nicht vermuten würde – zumindest zeigt sich die Studentin Kelsey (Nia Jervier) gleich zu Beginn der Serie überrascht: "Ich dachte, so was gäbe es nur in den Fifties und in Buzz-Feed-Artikeln."

Mit Kelseys Worten ist das Spannungsfeld beschrieben, in dem die Netflix-Produktion Dear White People spielt. Die Serie handelt von etwas, das schwer zu fassen ist – von einem Denken, einer Struktur, die durch Kommentarspalten tobt, im öffentlichen Diskurs aber nur in der Negation vorkommt. Da wird, wenn Cover oder Texte, Äußerungen oder Vorfälle einmal inkriminiert werden, zumeist beschieden, dass das nicht rassistisch (gemeint) sei.

Dabei hat Dear White People den Hass, den Rassismus freisetzt, selbst erfahren: 57.000 Likes stehen auf YouTube aktuell 420.000 Dislikes unter dem im Februar veröffentlichen Serien-Teaser gegenüber. Ein einzigartiges Missverhältnis, das sich einer angstgetriebenen rechten Kampagne verdankt, die von einem "Genozid an Weißen" fabulierte. Man kann sich in etwa vorstellen, was es bedeuten muss, als Regisseur unter solchen Bedingungen zu arbeiten. 

Der Vorfall, der die Rassismus-Debatte in der Serie in Gang setzt, ist eine Party, bei der weiße Studierende Karneval mit schwarzen Klischees spielen, Blackfacing inklusive. Wer, wie Kelsey, nicht glauben mag, dass es solche merkwürdigen Vergnügungen im 21. Jahrhundert gibt, sollte sich Simiens Film bis zum Ende anschauen; vor dem Abspann werden Social-Media-Schnappschüsse solcher Feiern gezeigt.

Die Frage, wer zu dieser Party eingeladen hat und ob das Anstiftung zum Rassismus oder Aufklärung darüber bedeutet, gehört schon zur intensiven Diskussion, die Dear White People bis zur Halbzeit der Staffel über den Rassismus am Winchester College eloquent und amüsant führt. Jede der ersten fünf Episoden konzentriert sich auf eine der fünf Protagonistinnen, Simien erzählt multiperspektivisch, um die verschiedenen Positionen innerhalb der schwarzen Studentenschaft zu differenzieren.

Die reichen, grob gesagt, von Malcolm X bis Michelle Obama, also von einer unversöhnlich-radikalen Kritik, wie sie Reggie Green (Marque Richardson) äußert, bis zum karrierewilligen Anpassungspragmatismus von Coco (Antoinette Robertson), die die "zweite" afroamerikanische Präsidentin werden will. Private Schwächen sind dabei in die Charakterisierung integriert: dass die kritische Sam White (Logan Browning), deren Campus-Radioshow (die ebenfalls Dear White People heißt) für Diskussionen sorgt, ausgerechnet den weißen, auch mal unterreflektiert gezeigten Gabe (John Patrick Amedori) liebt und nicht den ihr politisch doch so viel näher stehenden Reggie; oder dass Troy Fairbanks (Brandon P. Bell), der Sohn des Dekans, den väterlichen Anforderungen an Repräsentation und Karriere in eine Kneipe entflieht, in der er mit falschem Pass ("In solchen Fällen ist es praktisch, dass sie uns nicht auseinanderhalten können") Alkohol trinkt.

Allerdings benutzt Simien die Widersprüchlichkeiten seiner Figuren nicht dazu, sie oder ihre Positionen zu desavouieren, wie das in schlichteren Vorstellungen vom Umgang mit Rassismus häufig der Fall ist. Dear White People macht vielmehr etwas Einfaches, aber eben Unerhörtes: ein Gegenwartsphänomen vielstimmig und komplex aus unterschiedlichen schwarzen Perspektiven zu beleuchten. Dazu gehört auch der kenianische Austauschstudent Rashid (Jeremy Tardy), der sich fragt, ob es nicht problematisch sei, sich allein über Ablehnungen eine Identität zu bilden. Als Agent der Vermittlung ist der schüchterne Lionel (DeRon Horton) unterwegs, der als Journalist bei der Campus-Zeitung die Debatten reflektiert.

Plötzlich wird es lebensgefährlich

Will die "zweite" afroamerikanische Präsidentin werden: Coco (Antoinette Robertson, li.) © Adam Rose/Netflix

Der Clou der Serie besteht in ihrer aufreizenden Dramaturgie. In der Mitte, am Ende von Episode fünf, wenn man sich schon fragen will, welche der Nebenfiguren ins Zentrum der nächsten Folge gerückt wird, ändert die Erzählung entschieden ihren Rhythmus. Es kommt zu einem Zwischenfall, der den Link zur Lebensgefahr herstellt, die für People of color von rassistischem Denken ausgeht, egal, welchen Abschluss sie haben oder wie viel Geld.

Ein Einbruch des Realen lässt die Figuren sentimental werden ("Was waren das für Zeiten, als wir über Blackface-Party diskutieren konnten") und macht den Erzähler (Giancarlo Esposito aka "Gus Fring" aus Breaking Bad), der am Beginn jeder Folge einen kurzen Auftritt hat, sprachlos. Von ihrer Robert-Altman-haften Kurzgeschichtenstruktur wechselt Dear White People in der zweiten Hälfte zu einem Politdrama, bei dem es darum geht, Mehrheiten und Argumente für eine angemessene Antwort auf den Zwischenfall zu finden.

Und wenn es beim Finale auch lange so scheint, also würde die Serie ihren Furor an die Einsicht ins Konventionelle verlieren, ergibt sich eine überraschende Pointe, die eine zweite Staffel nur logisch erscheinen lässt. Das wäre Justin Simien zu wünschen (und auch, dass die altbackene deutsche Synchronisation und Untertitelung das Niveau halten kann). Denn abwechslungsreicher und unterhaltsamer, klüger und witziger als Dear White People kann man von den gesellschaftlichen Schieflagen unserer Zeit kaum erzählen.

"Dear White People" läuft auf Netflix.