"Feines aus Filz", eine Erinnerung an Astrid Lindgren, ein Besuch in einer "himmlischen Klosterbäckerei" und eine Kolumne vom Bestsellerautor Anselm Grün: Nein, das ist nicht die neue Ausgabe von Landlust, sondern ein Neuling auf dem Zeitschriftenmarkt: Der Pilger. Magazin für die Reise durchs Leben.

Ästhetisch gleicht das vierteljährlich erscheinende Magazin seinen Lebensstilvorbildern: Fotos üppiger Kräuter und dekorativer Blumen auf hochwertigem Papier, farbensatte Stillleben mit Segenssprüchen; der Schlager Laudato Si ist so dekorativ gedruckt, dass man ihn sich ohne weiteres rahmen lassen könnte. Dass man im Rätselteil des Heftes einen Schlüsselring von Manufactum gewinnen kann, wundert dann auch nicht mehr.

Wo wird Der Pilger wohl in der Bahnhofsbuchhandlung zu finden sein, wenn er vom Neuheitentisch runter muss? Im Segment Garten und Natur oder doch in der Wellnessecke, zwischen Slow und Flow? Das Cover der ersten Ausgabe zeigte eine beschwingte blonde Wandersfrau in karierter Hose im saftig grünen Laubwald: Unterwegs zu mir. Fastenwandern für Leib und Seele. In der soeben erschienenen zweiten Juni-Ausgabe labt sich die Wanderin im sommerlich hochgekrempelten Karohemd an einer Quelle. Titel: Endlich mal durchatmen.

"Endlich mal durchatmen": Die Sommerausgabe des Magazins "Der Pilger" © Der Pilger

Es geht viel um Gesundheit und ein schönes Leben in Einklang mit sich selbst in Der Pilger. Schwerpunktthemen wie Fasten werden nicht nur mit Blick auf die Gesundheit erörtert ("Nehme ich durch Fasten ab? Ja."), sondern auch aus der Perspektive von vier großen Religionen informativ vorgestellt. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Christentum, es gibt aber keine Fixierung auf dessen Spiritualität. Dieses Heft will Christen und Nichtchristen einladen, Muße, Achtsamkeit und ein bewusstes Leben zu entdecken: "Liebe Leserinnen und Leser, gönnen Sie sich mit unserem Magazin eine Pause, eine kleine heilsame Auszeit." 

Auf den ersten Blick würde man nicht darauf kommen, dass Der Pilger der Magazin-Ableger der gleichnamigen Wochenzeitung ist, die es seit 1848 gibt. Er wird vom Bistum Speyer, der Katholischen Kirche also, herausgegeben. Das Heft scheint ein Versuch zu sein, eine Gruppe von Menschen zu erreichen, die sich für spirituelle Themen interessieren, von einem zu religiösen Ansatz aber eher abgeschreckt werden. Das Konzept funktioniert überraschend gut. Denn Do-it-yourself-Bewegung, Wellnesskultur, Muße-Sehnsucht und christliche Spiritualität kommen sich tatsächlich nahe, wenn man beim Christentum zwei Dinge weg lässt: die Kirche und die Theologie. Es ist nur die Frage, was dann bleibt.

Sehnsucht nach Unverfälschtheit von Natur und Mensch

Der Pilger übernimmt seine anheimelnde Optik von den klassischen Wellnessmagazinen. Der Gestus authentischer Lebensführung braucht keine Inhalte, kennt keine Kontroversen, hat kein Gespür für die Ernsthaftigkeit des Lebens, sondern will all das mit einem auf die Dauer nervigen Harmonieideal überdecken. Ob man gegen Plastikmöbel und für Holzeinrichtung schwärmt, weil man kapitalismuskritisch, umweltfreundlich, ästhetisch anspruchsvoll ist oder weil man heimatbewusst die Natur oder gar die AfD wertschätzt: Die Ästhetik ist dieselbe.

Auch die Bilder im Pilger stehen für diese Sehnsucht nach Unverfälschtheit von Natur und Mensch, die allerdings eine ziemlich naive Fantasie der Neuzeit ist und außerdem mit dem Christentum nicht viel zu tun hat. Auf folgende Worthülsen kann sich vermutlich jeder einigen: "Pilgern heißt, den Weg der Sehnsucht zu gehen." Doch wie passt das Kreisen um den eigenen Lifestyle und die eigene Ausgeglichenheit zu der Auseinandersetzung mit einer Religion, deren Aufgabe darin bestehen sollte, Menschen zu einem Leben im Dienste seines Nächsten anzuhalten und nicht, sein Selbstmanagement zu optimieren?

Ist dieses Heft nun apolitische Anbiederung an den modernen Wellnessanhänger, bei der die Religion zur Hintergrundkulisse verkitscht wird? Oder ist es umgekehrt eine erfolgreiche Übersetzung der Pilgerkultur in Magazinform, welche ja in den vergangenen Jahren Mainstream geworden ist, wie nicht nur Hape Kerkelings Bestseller Ich bin dann mal weg zeigt?