Von der Revolution, die in Cannes stattfindet, ist erst mal nichts zu sehen: Das Meer ist blau, der Teppich rot, das Wettbewerbsprogramm vielversprechend. Todd Haynes, Sofia Coppola, Michael Haneke, Michel Hazanavicius, Naomi Kawase, François Ozon und Fatih Akin werden ihre neuen Filme zeigen. Julianne Moore reist an, ebenso wie Michelle Williams, Tilda Swinton, Jake Gyllenhaal, Ben Stiller, Dustin Hoffman, Colin Farrel, Nicole Kidman, Isabelle Huppert, Joaquin Phoenix ...

Kurz: Alles scheint so prächtig zu funkeln wie immer.

Dennoch kann es passieren, dass wir am Ende den Gewinner der Goldenen Palme gar nicht im Kino sehen können, sondern nur zu Hause auf dem Sofa. Womöglich gar auf einem kleinen Laptopbildschirm. Weil zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals zwei der 18 konkurrierenden Filme von Netflix präsentiert werden: The Meyerowitz Stories von Noah Baumbach und Okja des Südkoreaners Bong Joon Ho. Manche hier halten das nicht für eine Revolution, sondern für einen Skandal.

Eine Wiedergutmachung?

Allen voran der spanische Regisseur und Jury-Präsident Pedro Almodóvar. Er sagt das am ersten Festivaltag natürlich nicht mit diesen Worten. Aber er sagt: "Ich werde mein Leben lang dafür kämpfen, dass Filme auf der großen Leinwand gesehen werden." 

Apropos Jury: Auch hier gab es eine kleine Sensation, weil die deutsche Autorenfilmerin und Produzentin Maren Ade, die das gesamte vergangene Jahr damit verbracht haben sollte, sich über den Erfolg von Toni Erdmann zu freuen, in diesem Jahr in die Jury eingeladen wurde. Es hat zwar durchaus Tradition, Filmschaffende in die Jury einzuladen, die im Vorjahr in Cannes selbst ausgezeichnet wurden, doch Ade war gar nicht ausgezeichnet worden. So wurde schon vorab gemunkelt, Ades Berufung in die Jury sei eine Art Wiedergutmachung des Festivalchefs Thierry Frémaux. 

Als sich am Mittwoch, dem ersten Tag des Festivals, die Jury den Journalisten stellte, bereitete der offizielle Festivalmoderator Henry Behar solchen Gerüchten ein Ende: "Im letzten Jahr hat Maren Ade in Cannes Toni Erdmann vorgestellt", sagte er da, "und wir alle haben uns gewundert, warum sie und ihr Film bei der Preisverleihung überhaupt nicht berücksichtigt wurden."

Auch wenn er es nicht so formuliert hat, kam das durchaus so rüber, als hätte er gesagt: Der australische Regisseur George Miller, der diese Fehlentscheidung 2016 als Jurypräsident zu verantworten hatte, soll bei seinen steppenden Pinguinen und seinem Schweinchen namens Babe bleiben. Cannes ist schließlich ein Festival für echte Filmliebhaber. Der Satz fiel dann tatsächlich auch noch. Will Smith sagte ihn und erzählte dann gleich noch von zu Hause, wo seine drei Söhne zweimal pro Woche ins Kino gehen, um Filme auf der großen Leinwand zu sehen und den Rest ihrer Zeit vor Netflix abhängen. Die Jury wird wohl viel Spaß miteinander haben.

Heimgesucht vom Geist der Frau

Cotillard und Gainsbourg im Eröffnungsfilm "Les Fantômes d'Ismaël" © Festival de Cannes

Und dann feierte heute auch noch der erste Film seine Premiere: Les Fantômes d' Ismaël (Ismaëls Geister) des französischen Regisseurs Arnaud Desplechin, der zur Premiere ein hübsches Starensemble (Marion Cotillard, Charlotte Gainsbourg, Mathieu Amalric, Louis Garrel) mitbrachte. Les Fantômes d'Ismaël handelt von einem Filmemacher (Amalric), der gerade einen Film über seinen Bruder (Garrel) dreht, der als Spion gearbeitet hat und verschollen ist.

Der Filmemacher heißt Ismaël und wird seit nunmehr 21 Jahren und acht Monaten auch vom Geist seiner Frau (Cotillard) heimgesucht. Die ist damals spurlos verschwunden, was ihren Vater und Ismaël in tiefe Verzweiflung gestürzt hat. Erst seit zwei Jahren hat Ismaël eine neue Gefährtin (Gainsbourg), da taucht die alte Liebe so mir nichts dir nichts doch noch eines Tages am Strand auf und Ismaëls Leben löst sich in seine Einzelteile auf, genau wie sein Film. Und wie der Name des Protagonisten schon andeutet (Moby Dick von Herman Melville! Abrahams Sohn!), schweift die Erzählung immer mal wieder zu kunstgeschichtlichen oder religionsgeschichtlichen Betrachtungen ab.

Ein lässiger Überhandknoten

Weil Les Fantômes d'Ismaël so viele Geschichten gleichzeitig erzählt (mindestens zwei bis drei Liebesgeschichten, eine Spionagegeschichte und die Entstehungsgeschichte eines Films) hat Desplechin zwei Versionen geschnitten: eine "französische", die in Cannes als Eröffnung läuft, und eine "Originalversion", die morgen in den französischen Kinos anläuft. Die Festivalvariante soll die sentimentalere sein, sagt Desplechin. Ausufernd ist auch diese, obwohl eine halbe Stunde kürzer.

Desplechin entfaltet darin ein Panorama der Genres und so viel Stoff, dass man sich schon nach wenigen Filmminuten fragt, wie er die ganzen Fäden dieses Stoffes wieder zusammenknüpfen will. Nun, man könnte sagen, er tut es mit einem lässigen Überhandknoten. Irgendwann spricht Gainsbourg einfach die Worte in die Kamera: "Sie wollen wissen, wie die Geschichte endet?" Äh, ja, bitte? Sie tut uns den Gefallen. Danach hat sie vermutlich Sex und das Letzte, was wir hören, sind die Worte: "Immer so weiter. Immer so weiter. Immer so weiter." Und das sind doch ziemlich passende Worte, um die 70. Festspiele von Cannes zu eröffnen.