Die zweieinhalb Stunden Affentheater sind eine Goldene Palme wert. Am Sonntagabend gewann der schwedische Filmemacher Ruben Östlund mit seiner Satire The Square die 70. Ausgabe der Filmfestspiele von Cannes. Claes Bang spielt darin Christian, einen gebildeten und attraktiven Endvierziger, der als renommierter Kurator zeitgenössischer Kunst einerseits genau weiß, wo die wunden Punkte der Gesellschaft liegen: Die Schere zwischen Arm und Reich geht zu weit auseinander. Jeder denkt am Ende zu viel an den eigenen Vorteil. Wir bräuchten mehr Altruismus und Verantwortungsgefühl. Andererseits schafft Christian es selbst nicht, sich seinen Idealen entsprechend zu verhalten. Nachdem ihm Portemonnaie und Handy geklaut werden und die Pressekampagne für die jüngste Kunstinstallation seines Museums aus dem Ruder läuft, stürzt er unaufhaltsam in die Kluft zwischen Ansprüchen und Wirklichkeit. Der Witz des Films entsteht dabei aus der Verzweiflung, mit der Christian versucht, stets alles richtig zu machen. Er akzeptiert das quengelnde Baby in einer wichtigen Besprechung ebenso wie den Performancekünstler, der als Gorilla eine Benefizgala sprengt. Political Correctness ist in diesem Film die Hölle.

"Der Film ist von höchster Aktualität", sagte der Jurypräsident Pedro Almodóvar nach der Preisvergabe. Ruben Östlund sagte: "Wir brauchen mehr Affen."

Dabei wäre das Festival beinahe ohne seinen besten Film gelaufen. Als die Filmfestherren Thierry Frémaux und Pierre Lescure Anfang Mai ihr Programm offiziell ankündigten, war The Square noch gar nicht dabei. Er wurde erst unmittelbar vor Beginn noch rasch als 19. Film in den Wettbewerb geschoben. Es hat sich gelohnt. Nicht nur für Östlund, auch für all die Zuschauer, die sich durch die Auszeichnung in diesen Film locken lassen werden. The Square ist ein Heidenspaß.

Den Großen Preis der Jury gewann das französische Drama 120 Beats per Minute. Es spielt Anfang der 1990er Jahre, als Aids noch eine tödliche Krankheit war, aber die öffentliche Aufmerksamkeit für die Dringlichkeit von Prävention nachgelassen hatte. Eine Gruppe von Aktivisten setzt sich in Paris dafür ein, das zu ändern, und kämpft dafür, dass Pharmaunternehmen die Daten ihrer Forschung rascher zugänglich machen. Für viele von ihnen geht es dabei um das eigene Leben. Auch für Sean (Nahuel Pérez Biscayart), dessen Lebendigkeit und Energie den Neuankömmling Nathan (Arnaud Valois) rasch verzaubert. Diese Lebensfreude stellt der französische Regisseur Robin Campillo in den Vordergrund, und macht aus 120 Beats per Minute trotz des Sujets eine Liebeserklärung ans Leben.

Herausragend ist dabei der argentinische Schauspieler Nahuel Pérez Biscayart. Er hätte – wie auch Claes Bang in The Square – einen eigenen Preis für die männliche Hauptrolle verdient. Doch nach den Reglements der Festspiele ist die Besetzung des Siegerfilms von den Darstellerpreisen ausgeschlossen. Es blieben dann nicht mehr viele Schauspieler übrig, die den Preis als bester männlicher Darsteller hätten erhalten können. So erhielt ihn am Ende Joaquin Phoenix, der bei der Verkündung sehr überrascht wirkte. Sicher, er beweist als schwerst traumatisierter Auftragskiller in dem US-amerikanischen Thriller You Were Never Really Here wieder, wie kraftvoll sein körperbetontes Spiel sein kann. Auch hat die Filmemacherin Lynne Ramsay für diesen sich überraschend auffaltenden Film zu Recht den Preis für das beste Drehbuch erhalten (den sie sich mit dem Griechen Yorgos Lanthimos für dessen dunkelschwarzes Sühnedrama The Killing of a Sacred Deer teilen muss). Doch Phoenix' Figur macht darin keine wirklich sichtbare Entwicklung durch. Sein Spiel verharrt gewissermaßen auf derselben Note. Die wird, wenn man so will, im Laufe des Thrillers höchstens ein wenig lauter.

Diane Kruger als Frau, die von ihrer Trauer beherrscht wird

Ganz im Gegensatz dazu steht die Figur, für die Diane Kruger mit dem Preis für die beste weibliche Schauspielerin ausgezeichnet wurde. In Fatih Akins Film Aus dem Nichts spielt sie eine Frau, die durch einen rassistisch motivierten Mordanschlag Mann und Sohn verliert und aus ihrem glücklichen Alltag in tiefe Trauer und Verzweiflung stürzt. Die Ermittlungen und der Prozess gegen die zwei Nazis, die den Anschlag verübt haben, können ihr Bedürfnis nach Gerechtigkeit nicht stillen. Was mögen Menschen, die einen Angehörigen durch einen ebenso feigen wie willkürlichen Mordanschlag verloren haben, wohl fühlen? Diese Frage stellte Akin ins Zentrum seines Films. Ihm geht es nicht darum, wie neonazistisches Gedankengut entsteht, auch nicht um eine Wiedergabe des NSU-Prozesses (obwohl er sich intensiv mit dem Münchner Prozess und den entsprechenden Protokollen auseinandergesetzt hat). Akin hat sich ganz auf die Gefühle der Hinterbliebenen konzentriert und auf die Frage, was passiert, wenn ein von Staats wegen verkündetes Urteil nicht dem individuellen Empfinden von Gerechtigkeit entspricht.

Diane Kruger spielt diese anspruchsvolle Rolle hervorragend. Sie muss zeigen, was die Trauer mit ihr macht ­ und wozu sie sie letztlich treibt. Die 40-Jährige, die in Niedersachsen geboren wurde und mit Akin erstmals auf Deutsch drehte, sagte, der Film habe ihr "Leben verändert". Akin sei "der beste Filmemacher, mit dem ich je gedreht habe".