Im Jahr 1967 erzählte Rat mal, wer zum Essen kommt die Geschichte einer jungen weißen Frau, die ihren schwarzen Verlobten, gespielt von Sidney Poitier, mit nach Hause zu den Eltern bringt. Die vermeintlich aufgeschlossenen Eltern sind zunächst schockiert, aber am Ende des Films fallen sich alle in die Arme. Fünfzig Jahre später zeigt Jordan Peeles Regiedebüt, dass die Dinge nicht ganz so einfach sind. Get Out ist ein Horrorfilm, der sich direkt mit dem unterschwelligen Rassismus liberaler Weißer beschäftigt. Man weiß nicht, ob man lachen, weinen oder schreien soll.

Der britische Schauspieler Daniel Kaluuya spielt Chris, den schwarzen Freund von Rose, eine adrette junge Frau, die von Allison Williams (aus der Fernsehserie Girls) gespielt wird. Sie entscheidet, es sei an der Zeit für ihn, ihre Eltern Dean und Missy (Bradley Whitford und Catherine Keener) kennenzulernen, und will ihn mitnehmen in einen reichen Vorort von New York City. "Wissen sie, dass ich schwarz bin?", fragt Chris nervös, bevor sie aufbrechen. Rose lacht ihn aus. Wissen sie nicht, aber, versichert Rose, Mami und Papi haben keine Vorurteile. Wäre es nicht gar rassistisch von ihr, ihnen zu sagen, dass Chris schwarz ist? Immerhin hätte ihr Vater auch ein drittes Mal für Barack Obama gestimmt, wenn er gekonnt hätte. "Geh nicht in das Elternhaus eines weißen Mädchens!" warnt Chris noch sein bester Freund, weil der glaubt, Weiße wünschten sie alle heimlich schwarze Sexsklaven. Unsinn, denkt Chris und fährt mit Rose durch den Wald zum Anwesen der Eltern.

Mit seinen weißen Säulen erinnert das Haus beklemmend an eine Südstaatenplantage, aber es scheint zunächst fast so, als ob Rose recht hätte: Dean und Missy, ein Neurochirurg und eine Psychotherapeutin, sind einladend und unheimlich freundlich. Dean umarmt den Neuankömmling gleich mehrfach und sagt ihm tatsächlich, dass er für Obama auch ein drittes Mal gestimmt hätte. Aber er erzählt ihm auch in verbittertem Ton, dass sein Vater, Roses Großvater, seinen Platz bei den Olympischen Spielen von 1936 an den schwarzen Leichtathleten Jesse Owens verlor. "Er ist fast darüber hinweggekommen", lacht Dean. Noch seltsamer ist das unterwürfige Benehmen der beiden schwarzen Hausangestellten (Marcus Henderson und Betty Gabriel). "Ich hasse die Art, wie es rüberkommt", sagt Dean zu Chris, "weiße Familie, schwarze Diener, totales Klischee!"

Chris spürt, ohne die Ursache zu ahnen, dass etwas nicht stimmt, und während Rose ihm versichert, er bilde sich das Bizarre nur ein, tauchen ein paar alte, weiße Gäste zu einer Familienfeier auf. Eine Frau fragt sich laut, ob Chris wohl gut ausgestattet ist und streichelt seinen Bizeps. Ein anderer Gast merkt an, dass schwarze Haut im Moment total "in Mode" sei.

Mehr zu verraten, würde die Lust auf den Film verderben, doch wer Die Frauen von Stepford, Rosemaries Baby oder Die Nacht der lebenden Toten gesehen hat – alles Filme, die Jordan Peele als Einflüsse auf sein Drehbuch zitiert – hat wahrscheinlich eine gute Ahnung, in welche Richtung das Ganze dreht. Dabei hat Peele keine bloße Kopie geschaffen. Er ist ein bekennender Horrorfan und als solcher vertraut mit den Traditionen des Genres, aber darüber hinaus hat er ein gutes Gespür dafür, wie man sie auf wirklich komische und anspruchsvolle Weise mit der Gegenwart verbindet.