Natürlich wäre es auch ein Spaß gewesen, ganz Lindenhof in die Luft zu jagen. Dieses Internat für Mädchen, das seit Jahrzehnten den Zwillingen Hanni und Nanni erst Straflager und dann glückliches Zuhause ist. "Das wäre bestimmt lustig geworden", scherzt die Filmemacherin Isabell Šuba. "Doch da muss man realistisch bleiben. Das war mit einem Mainstream-Projekt wie diesem und mit Arbeitspartnern wie der UFA und Universal Pictures nicht der Plan."

Die beiden deutschen Produktionsfirmen bringen am 25. Mai ihre vierte Hanni & Nanni-Verfilmung ins Kino, diesmal unter Šubas Regie. Die ersten Romane, die den Filmen zugrunde liegen, hatte die britische Schriftstellerin Enid Blyton in den vierziger und fünfziger Jahren geschrieben. Es folgten Fortsetzungen von Auftragsautoren. Heute liegen auf Deutsch fast 30 Bände Hanni und Nanni vor. Ein weltweiter Erfolg. In den Neunziger erschien in Japan eine 26-teilige Fernsehserie, als Anime.

Die Realverfilmungen aus 2010, 2012 und 2013 mit den Schwestern Jana und Sophia Münster gehörten in ihren Erscheinungsjahren jeweils zu den zehn erfolgreichsten deutschen Kinofilmen und spielten mehr als 18 Millionen Euro ein. So eine Gelddruckmaschine lassen Produzenten nicht über längere Zeit ungenutzt stillstehen. Und da die Münster-Schwestern inzwischen 19 Jahre alt sind, mussten für den jüngsten Aufguss neue Mädchen her. Und eine neue Regisseurin.

Isabell Šuba © Barrierestudio

Isabell Šuba ist erst 35 Jahre alt und hat bisher vor allem Kurzfilme gedreht. Am bekanntesten ist wohl ihr Langfilmdebüt Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste, das auf dem Max-Ophüls-Festival ausgezeichnet wurde. Und auch wer weder Jetzt aber Ballett über zwei Elite-Soldatinnen, noch Tallulah & Killerhead über zwei Gamerinnen gesehen hat, bekommt schon beim Lesen der Titel eine ungefähre Ahnung davon, wie Šuba so drauf ist. Rotzfrech könnte man sagen, wenn das nicht so furchtbar despektierlich nach Mädel klänge. Also sagt man besser "engagiert".

Beispielsweise engagiert sich Šuba für Pro Quote Regie, einen Zusammenschluss deutscher Regisseurinnen, die sich für mehr weibliche Gleichberechtigung im Filmgeschäft einsetzen. "Frauenquote hört sich immer so furchtbar hässlich und trocken an – das ganze Wort ist abtörnend –, aber die Quote ist notwendig", sagt Šuba. Dabei ließe sich eigentlich alles ganz einfach ändern: Man müsste schlichtweg mehr Frauen einstellen und sie gleich bezahlen. "Passiert aber nicht, weil Männer unterschwellig Angst haben. Regie zu führen beispielsweise ist ein hart umkämpfter Job. Wenn jetzt auch noch Frauen mitspielen, so die Angst, werden die Aussichtschancen noch geringer." Diese Angst ist durchaus konkret, wenn künftig 30 oder irgendwann gar 50 Prozent der Filmförderung an Frauen gehen, wie diskutiert wird. "Es geht also für die Männer um viel Geld", schließt sie. "Einen Job, den ich kriege, macht dann halt kein anderer Mann."

Kino - "Hanni & Nanni – Mehr als beste Freunde" (Trailer) © Foto: Stephan Rabold / UFA-Fiction / UNIVERSAL

Jetzt ist es also Šubas Job, Hanni & Nanni zum Kinoerfolg zu bringen. Eigentlich erstaunlich: Ausgerechnet sie, die gedanklich gern mal übers Ziel hinausschießt, wenn sie Livebilder aus dem Schlachthof via Monitor an jede Fleischtheke übertragen will, weil sie das Halten von Zuchttieren für einen weiteren Beleg der "Brutalität der Menschheit" hält "wie den Holocaust, auch wenn der mit nichts zu vergleichen ist". Ausgerechnet sie hat sich anstellen lassen, um eine Geschichte neu zu verfilmen, die im Kern davon handelt, wie zwei eigenwillige Mädchen in ihrer neuen Umgebung (Schloss Lindenhof) zunächst heftig anecken, um sich dann doch anzupassen, und schließlich innerhalb des bestehenden Systems die an sie gestellten Erwartungen übererfüllen. Hanni und Nanni auf Lindenhof ist eine Geschichte mit sehr tradierten Rollenbildern. "Staubig", fährt Šuba gleich dazwischen, "die Rollenbilder sind total staubig!" Warum also wollte sie den Job? "Na, genau deswegen! Ich habe einen Kontrast zu meinen bisherigen Stoffen gesucht. Außerdem ist es eine Adaption. Ich bin da rangegangen wie eine Theaterregisseurin, die einen Shakespeare adaptiert. Ich wollte es so machen, wie ich Mädchenbilder gerne sehen würde: neu halt."