Schuld und unsere Unfähigkeit zur Sühne sind so etwas wie das Lieblingsthema des österreichischen Filmemachers Michael Haneke. Einen seiner größten Erfolge feierte er 2004 mit dem kühlen Thriller Caché, in dem ein bourgeoises Paar über anonyme Botschaften gezwungen wird, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Im Kern ging es um eine Schuld, die sich der Protagonist Georges Laurent einst als Sechsjähriger gegenüber einem algerischen Einwandererjungen aufgeladen hatte. In Cannes wurde Haneke dafür ausgezeichnet. Jetzt ist er mit seinem jüngsten Film Happy End wieder im Wettbewerb und wärmt das Thema gleichsam noch mal auf. Es stimmt ja auch: Manchmal gewinnen Ingredienzen durch erneutes Aufkochen an Intensität. Und Haneke ist Maître genug, um es dennoch neu zu präsentieren.

Der Georges Laurent aus Caché ist diesmal ein alter Mann (Jean-Louis Trintignant) und der Patriarch einer großbürgerlichen Familie in Calais. In seiner riesigen Stadtvilla leben noch seine Tochter (Isabelle Huppert), die einen erwachsenen Sohn hat (Franz Rogowski), und Georges Sohn Thomas (Mathieu Kassovitz) sowie dessen zweite Frau und ihr Baby. Aus erster Ehe hat Thomas eine fast 13-jährige Tochter, Eve, die bei ihrer Mutter im Süden von Frankreich lebt. Nach deren Tod zieht Eve nach Calais ins Haus ihres Vaters. Sie alle lassen sich von einem marokkanischen Haushälterehepaar bedienen, und alle (bis auf das Baby) werden am Ende des Films Schuld auf sich geladen haben, ohne dafür die Verantwortung zu übernehmen.

Haneke beginnt mit Smartphone-Videos, die offensichtlich Eve aufgenommen und kommentiert hat. Das Mädchen verachtet seine Mutter und vergiftet seinen Hamster mit Tabletten. Die Aufzeichnungen werden später insinuieren, Eve könnte gar am Tod ihrer Mutter durch eine Medikamentenüberdosis schuld sein. In Calais kommt es unterdessen auf einer Großbaustelle des Bauunternehmens der Laurents zu einem Unglück, bei dem ein Arbeiter stirbt; Thomas hat eine Geliebte, mit der er heimlich und sehr freizügig online chattet; und der Patriarch ist seiner Familie und des Lebens überdrüssig. Weil er es aber nicht mehr schafft, sich selbst das Leben zu nehmen, ist er auf der Suche nach jemandem, der ihm dabei hilft. Famille à la Haneke eben.

Leinwandbreite Distanz

Obwohl der Filmemacher nach dem Dreh von Das weiße Band betont hatte, er wolle wegen des großen Aufwands nicht mehr mit Kindern arbeiten, bildet Eve in Happy End so etwas wie das Zentrum. An ihr manifestiert sich die solide Lieblosigkeit der familiären Beziehungen. Die wenigen freundlich gemeinten Berührungen wirken hier nur wie eine der Etikette geschuldete Mechanik, und manchmal reicht die Leinwandbreite kaum aus, um die Distanz zwischen den Figuren abzubilden.

Aber mit Eve greift Haneke auch die Frage aus Caché wieder auf, inwiefern ein Mensch, der als Kind, also in einem schuldunfähigen Alter, ein Vergehen begangen hat, mit dieser Schuld als Erwachsener umgeht. Dass Haneke sich so unmittelbar auf seinen Film von 2004 bezieht, drückt sich auch in Eves Angst aus, in ein Waisenhaus abgeschoben zu werden. Es ist genau das Schicksal, das in Caché den Einwandererjungen ereilte. Hintergrund war damals die Ermordung von mindestens 200 Menschen, vor allem Algerier, durch die Polizei am 17. Oktober 1961 in Paris. Sie hatten friedlich gegen den Algerienkrieg demonstriert. Das Massaker wurde nie aufgeklärt und ist in Frankreich bis heute ein Tabuthema.

Diesmal ist der blinde Fleck, auf den Haneke Licht werfen will, die Situation der Migranten und vor allem der Flüchtlinge in Calais. Wie schon in Caché streift er die Thematik kinematografisch und dramaturgisch kaum mehr als beiläufig: Mit der marokkanischen Haushälterfamilie wird umgegangen wie mit Möbelstücken. Der Alte versucht in seinem Streben nach dem Tod, jugendlichen Migranten Drogen abzuschwatzen. Auf einem Familienfest tauchen Flüchtlinge als äußerst ungebetene Gäste auf. Erst die vielfachen Zitate und Spiegelungen machen Hanekes Anliegen deutlich. "Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind" gab er seinem Film als Motto mit.

Happy End ist also ein weiterer Film in diesem Wettbewerb mit einer klaren Botschaft. Selten gab es in einem Jahrgang davon so viele. Scheint an unserer Zeit zu liegen, dass sich die Filmemacher so explizit mit dem Thema beschäftigen: Jeder von uns lädt Schuld auf sich. Jeder sollte dafür die Verantwortung übernehmen. Das tun die Filmemacher freilich auf ganz unterschiedliche Weisen. Hanekes Art entspricht es, Schauspielerinnen wie Isabelle Huppert für seine Figuren zu engagieren. In vollendeter französischer Raffinesse beweist sie in Happy End wieder, dass sie mit den Mundwinkeln beherrscht, wozu andere einen Mittelfinger brauchen.