"Hey Jungs, hier ist mein erstes Sexvideo für euch!", twittert Bonnie ein paar Tage nach ihrer Ankunft in Los Angeles. Am anderen Morgen wacht sie auf und hat 1.000 Follower. Die Zahl steigt, Bonnie wird von Pornostudios gebucht, manchmal filmt eine Kollegin sie zu Hause. Die Serie Hot Girls Wanted: Turned On auf Netflix widmet ihr und ihrem Umfeld in der Pornobranche von L.A. eine knapp einstündige Episode. Es geht um Geschäftssinn, darum, was man vor der Kamera zeigen will, um Verantwortung, Selbstbestimmung – oder das, was die Menschen im Pornogeschäft dafür halten.

Die sechsteilige Anthologie erzählt außerdem, wie das Internet heute Sex und Beziehungen bestimmt. Man lernt Menschen wie Jax und Kaylie kennen, die ihr Geld mit Sex vor der Kamera verdienen. Man trifft ihren Agenten, der von einer erfolgreichen Porno-Website träumt, und Produzentinnen, die weibliche Fantasien verfilmen. Und da sind die, die Liebe und Sex übers Internet suchen: ein notorischer Tinder-Nutzer und ein Fan, der sich in ein Cam-Girl verliebt.

Die Produzentinnen Jill Bauer und Ronna Gradus haben 2015 bereits eine längere Dokumentation über die Branche gedreht: Hot Girls Wanted. Damals folgten sie jungen Frauen in den ersten Monaten ihrer Karriere als Porno-Darstellerinnen. Die Erzählweise, für die Bauer und Gradus hoch gelobt wurden, behalten sie auch in der Fortsetzungmit der weiteren Produzentin Rashida Jones bei. Jede Folge konzentriert sich auf eine einzelne Person: die Produzentin, den Tinder-Single, das Cam-Girl. Hin und wieder wird eine Statistik zum Pornokonsum eingeblendet, sonst dominiert die Home Story.

Mütter, Väter, Freunde, Kolleginnen erzählen von ihren Vorurteilen gegenüber der Pornowelt ("Frauen werden schlecht behandelt", "Die nehmen alle Drogen"). Die Protagonisten sprechen über Selbstbestimmung ("Man sollte vor der Kamera nur etwas tun, mit dem man sich wohlfühlt") und finanzielle Zwänge ("Ich will, dass meine kleinen Geschwister ein besseres Leben haben"). Die Filmemacherinnen zeigen das nüchterne Alltagsleben der Pornostars und deren Fans. Und sie bleiben lange genug dran, um jenseits der gut gelaunten Parolen ("Ich liebe Sex!") auch Zweifel aufzudecken ("Ich nehme bei jedem Dreh Viagra").

Vor allem erlebt man die Vielschichtigkeit der Industrie, in der die große Pornostudios der neunziger Jahre wie Vivid und Digital Playground nur noch eine Nebenrolle spielen. Heute werden die meisten Pornos auf kostenlosen Websites angeschaut, Cam-Girls unterhalten sich von ihrem Wohnzimmer aus stundenlang mit ihren Fans, Darstellerinnen preisen Videos über Twitter an, über Snapchat und Instagram führen Pornomacher und Konsumentinnen virtuelle Beziehungen. "Niemand hätte gedacht, wie stark das Internet die Pornografie verändern würde", sagt die Produzentin Holly Randell und meint das große Geld, das hier kaum mehr jemand verdient. Weniger als drei Prozent der User zahlen noch für Pornos.

Das Internet hat Akteure wie Konsumenten verändert. Wer heute bei einem Pornodreh vor der Kamera steht, ist mit Onlinepornografie aufgewachsen und musste wahrscheinlich nie in einer Videothek seinen Ausweis vorzeigen. Vor allem Frauen schauen dadurch viel häufiger Pornos als noch vor zwanzig Jahren. Es gibt queere Websites und welche für so gut wie jede sexuelle Vorliebe. Für die meisten Menschen gehören Pornos ganz selbstverständlich zum Sexleben dazu, sie sind Mittel zur Selbstbefriedigung, zur Aufklärung, manchmal auch des künstlerischen Ausdrucks oder eben zum Geldverdienen. Entsprechend unaufgeregt geht die Serie mit dem Thema um.