"Trump übertrumpft uns", klagte die Schauspielerin Robin Wright kürzlich bei Ellen de Generes. Die Schöpfer von House of Cards  seien nicht auf die gegenwärtige US-Politik vorbereitet gewesen. "Uns gehen langsam die Ideen aus." Auch dem Zuschauer fällt die Rückkehr in die Welt von House of Cards nicht leicht. Zu sehr erinnert das Chaos, das Kevin Spaceys umtriebiger Frank Underwood entfesselt, an unsere eigene Gegenwart. Um einen Präsidenten zu sehen, der lügt wie gedruckt, sich prinzipiell von Ranküne leiten lässt und umgeben ist von Speichelleckern und Hasardeuren, bedarf es dieser Tage keines Netflix-Abonnements. 

Die fünfte Staffel, die nun auf Netflix (in Deutschland auf Sky) anläuft, ist die erste ohne den Showrunner Beau Willimon, aber in Frank Underwoods Washington ist alles beim Alten. Gegen Ende der vierten Staffel stand dem Präsidenten das Wasser mal wieder bis zum Hals. Er befand sich mitten im Wahlkampf, im Kongress liefen Untersuchungen gegen ihn, Terroristen säten Chaos und der Washington Herald (der Washington Post nachempfunden) veröffentlichte ein vernichtendes Exposé über ihn. Und Frank beschloss – wieder mal, muss man sagen – die Flucht im Angriff zu suchen.

Auch formal setzt die neue Staffel genau mit jenem Kunstgriff ein, mit dem das Drama vor einem Jahr endete. In der letzter Szene hatte Frank, wie er das seit jeher zu tun pflegt, direkt in die Kamera geblickt und uns Zuschauer angesprochen – dann tat es ihm erstmalig auch seine Frau Claire (Robin Wright) nach. Diese Geste hallt in der ersten Einstellung der neuen Staffel nach, aber sie stellt sich sogleich als Täuschung heraus. Wir beobachten die First Lady und Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin bei einer Fernsehansprache. 

House of Cards scheint den Zuschauer an dieser Stelle dazu anzuhalten, die visuelle Visitenkarte der Serie zu hinterfragen. Wenn Frank sich direkt an uns wandte, signalisierte die Geste: Ich sage euch jetzt, was wirklich passiert. Aber nun scheinen wir – genau wie das fiktive amerikanische Fernsehpublikum – manipuliert zu werden. Wir wissen es nicht mehr besser.

In einer Szene brüllt ein Kongressabgeordneter Präsident Underwood an, er operiere "jenseits aller Normen". "Ist mir egal", entgegnet Frank und bringt somit das Amerika von 2017 auf den Punkt. In vielen Szenen drängen sich Echos zu jener Tragödie auf, die wir täglich in den Nachrichten beobachten. Allerdings stimmt der Begriff Echo natürlich nicht; die Serie, seit Monaten im Kasten, hat die Realität vorweggenommen. Eine Regierung, die unterzugehen droht an der Art und Weise, wie sie an die Macht kam. Eine Partei, die spürt, dass ihr Präsident zutiefst korrupt ist, und die ihn aus Panik und Kalkül trotzdem stützt. Manipulierte Nachrichten in sozialen Netzwerken. Untersuchungsausschüsse, Geheimdienste, die gegen den eigenen Präsidenten ermitteln. Loyalisten, die dem Chef treu bleiben, weil sie, so er einmal nicht mehr an der Macht wäre, wahrscheinlich ins Gefängnis müssten.

TV-Journalisten sagen in der Serie Dinge, die sie später wirklich sagen

Selbst die Art, in der Underwood die Medien, den Terrorismus, das Wahlrecht manipuliert, erinnert an den derzeitigen Amtsinhaber. Er nutzt das Chaos für sich. Und er muss die Dinge in Bewegung halten, darf den Normen und Institutionen nicht die Gelegenheit geben, sich wieder durchzusetzen. Und so sagen Fernsehjournalisten wie Charlie Rose und Brett Baier, die in der Serie sich selbst spielen, Dinge in die Kamera, die während der Dreharbeiten noch Fiktion waren, die sie aber so mittlerweile tatsächlich über Trump gesagt haben.

Gleichzeitig spielt die neue Staffel ziemlich penetrant auf historische präsidentielle Tragödien an. Kevin Spacey hat zwischenzeitlich Richard Nixon in dem Film Elvis & Nixon gespielt und ein bisschen Tricky Dick schleicht sich auch in seine Rolle als Volkstribun Underwood ein. Und beim gemeinsamen Rauchen mit seiner First Lady Claire trällert er ihr ein Stück aus Camelot vor, dem Lieblingsmusical der Kennedys. Nicht erst hier hat man das Gefühl, Franks Karriere könnte ihren Zenit langsam überschritten haben.

Diese Schmierenkomödie wird nur für uns gegeben

Was diesmal besonders auffällt: Für eine betont finstere, gerne auch fiese Serie biedert sich House of Cards dem Zuschauer geradezu obszön an. Die dunklen, süffigen Farben, in denen Franks Washington gehalten ist, sehen weiterhin blendend aus, die an den Serienschöpfer David Fincher orientierten Tableaux ebenso. Die politischen Ränkespiele jedoch könnten simpler nicht sein. Die Figuren erklären einander laufend noch einmal, wer sie sind, wiederholen Namen und Titel, damit wir auch ja mitkommen. Die Titelsequenz fährt wie ein Touristenbus sämtliche Wahrzeichen DCs ab. Die Authentizität, die man uns verkauft, ist aber nicht mehr als ein Souvenir. Diese Schmierenkomödie wird nur für uns gegeben.