So ein Ödipuskomplex ist kein Zuckerschlecken, vor allem wenn nicht mal ein Vater da ist, den man ermorden kann. Wie soll man denn dann selbst ein Mann werden? Zum Glück gibt es Mike Mills, der dieses Dilemma meisterhaft in eine ästhetisch, emotional und intellektuell befriedigende Form gießen kann, die der Frage auch noch einiges mehr abgewinnt als eine bloße Anleitung zum Erwachsenwerden. Denn paradoxerweise geht sein jüngster Film 20th Century Women nicht (nur) um Frauen, sondern auch um Männer, genauer: um Mills. (Über den bescheuerten deutschen Titel Jahrhundertfrauen sollte man schweigen, das ist kein ZDF-Fernsehfilm, sondern großes Indiekino.)

Wie bereits in seinem letzten, so schönen, klugen, berührenden, wahren Film Beginners hat der kalifornische Filmemacher, Grafiker und Musiker sich seiner Autobiografie bedient. In Beginners ging es um seinen Vater, gespielt vom großartigen Christopher Plummer, der sich nach dem Tod der Mutter mit 75 Jahren als schwul outet, nur um kurz drauf selbst an Krebs zu sterben. Aber eigentlich ging es nicht (nur) um den Vater, sondern um die Frage: Warum bin ich so traurig? Sollten Sie auch traurig sein, schauen Sie Beginners, Sie werden heulen, manchmal hilft es, alles rauszulassen. Emotional manipulative Filme können heilende Wirkung haben (siehe: Perfect Sense).

Mills hat dieser cinematischen Apotheke ein neues Psychopharmakon hinzugefügt, ein in südkalifornische Sonne getauchtes, von nostalgischem Siebziger-Jahre-Sound umarmtes Mittel, das ausgeglichen und glücklich macht, mit dem Leben versöhnt. Es ist auf den ersten Blick die Geschichte einer Ablösung von Mutter und Sohn, auf einen zweiten Blick die Geschichte von Mills Mutter und anderer Frauen, die ihn geprägt haben, doch noch weiter darunter schlummert eine Betrachtung der Zeitgeschichte, der sozialen und kulturellen Einflüsse, die überhaupt das (weiße, mittelständische, urbane, kreative) Subjekt von heute geformt haben.

Der Teenager Jamie (Lucas Jade Zuman) wächst in den späten Siebzigern in der Küstenstadt Santa Baraba außerhalb von Los Angeles auf mit seiner Mutter Dorothea. Mills fängt sie mit all ihren Eigenheiten ein, ein liebevolles Porträt einer Frau entsteht. Diese Frau, während der großen Depression geboren, war eine der ersten weiblichen Bauplaner, sie raucht wie ein Schlot und gibt ohne Unterlass ironische Kommentare zum Besten: "Als ich angefangen habe, waren Zigaretten nicht ungesund. Sie waren stylish." Anette Benning spielt Dorothea so brillant, stark und idiosynkratisch, vorwärtsdenkend und optimistisch, und doch manchmal unsicher und vom Leben enttäuscht, aber niemals mitleiderregend oder peinlich, vielleicht ist es die Rolle, auf die Benning heimlich ihre ganze Karriere gewartet hat. Es ist, als wäre der Film allein für sie gemacht. Doch da sind noch andere Frauen, Mutterfiguren, Schwestern, Freundinnen, die mit Jamie und Dorothea wie in einer Kommune ein riesiges, zerfallendes Haus der Jahrhundertwende bevölkern.

Die Fotografin Abbie (Greta Gerwig) mit ihren rot gefärbten Haaren und ihrem Faible für Punk wohnt mit im Haus, und zu Besuch kommt ständig Jamies beste Freundin Julie (Elle Fanning), die heimlich raucht und feministische Gedichte liest. Ihre Mutter schleppt sie in die Gruppentherapie, die sie als Psychologin selbst leitet, und um ihrem subtil übergriffigen Zuhause zu entkommen, klettert sie abends bei Jamie durchs Fenster und schläft in seinem Bett, zu Jamies Frust ganz ohne Sex.

Diese Frauen sind für Jamie wichtiger und prägender, als es der Mann im Haus ist. William (Billy Cudrup) ist zwar fast das Klischee eines Mannes, handwerklich begabt, schweigsam, schnauzbarttragend, frauenverführend, an einem inneren Schmerz leidend, aber trotz aller Versuche Dorotheas, die Abwesenheit des Vaters durch gemeinsame Handwerksübungen auszugleichen, langweilt sich Jamie mit ihm. Irgendwann wendet sich Dorothea an Abbie und Julie, sie brauche ihre Hilfe, Jamie zu einem anständigen Erwachsenen zu machen, allein schaffe sie es nicht.