Sie heißen David, Yacine, André, Sabrina, Sarah, Omar und Greg. Einige haben Migrationshintergrund, andere nicht, einige scheinen dem intellektuellen Milieu zu entstammen, andere nicht. Mehr wissen wir nicht über diese Gruppe junger Menschen, die mit der Métro durch Paris fährt, sich immer wieder begegnet, Blicke tauscht, aber kaum Worte. Was sie zu einen scheint, ist eine nicht verbalisierte Wut auf das kapitalistische System. Von Pinochets Putsch in Chile ist in einem Cafégespräch einmal die Rede, von Arbeitslosigkeit und der Lage in Griechenland. Sie sind Menschen, die, ungeachtet ihres sozialen Status, das Vertrauen in die Zukunft verloren haben. Und sie haben gerade überall in Paris Sprengsätze verteilt.

Nocturama von Bertrand Bonello erschien im August 2016 in Frankreich und floppte in den Kinos. Nach den Terroranschlägen von Paris und Nizza wollte niemand junge Leute sehen, die eine Anschlagsserie vorbereiten. Dem Regisseur wurde die Glorifizierung und Ästhetisierung der Attentäter vorgeworfen, auch wenn er glaubhaft betonte, die Idee zu seinem Film sei bereits fünf Jahre alt und er habe keinen politischen Diskurs damit eröffnen wollen.

Und tatsächlich: Gemessen daran, was in den vergangenen 24 Monaten in Frankreich passiert ist, der Protestbewegung Nuit debout, den Ausschreitungen linker Demonstranten, dem Wahlverhalten junger Menschen, ist Nocturama ein erstaunlich unpolitischer Film.

Er umgibt seine Figuren mit der Aura kühlen Hipstertums. Junge Menschen mit erstarrten Gesichtern stehen vor dem Ankleidespiegel, machen Fotos mit ihren Handys. Eine junge Frau läuft durch die Straßen von Paris und sagt immer wieder ein und denselben Satz vor sich her, wie ein Gebet: "Ich habe ein Zimmer für eine Nacht auf den Namen Sophie Baroud reserviert." Als sie ihn dann tatsächlich in einem Hotel der Angestellten gegenüber aufsagt, kommt er ihr fehlerlos und leicht über die Lippen. Immer wieder wird die Uhrzeit eingeblendet. Es ist deutlich zu spüren: Hier geht etwas vor sich, und es ist etwas Unheilvolles.

Auf den ersten Blick ist es eine ganz aparte Idee: Die Attentäter verstecken sich ausgerechnet in einem Gebäude, das für das steht, was sie bekämpfen. Acht widersprüchliche Charaktere, eingesperrt in einen goldenen Käfig. Tatsächlich sei die Faszination für die geschlossenen Welten von Kaufhäusern und Einkaufspassagen ein treibender Motor für seinen Film gewesen, sagte Bonello in einem Interview. "Sie sind wie eine Welt ohne Fenster. Eine perfekte Welt in einer unperfekten."

Klar, sie konsumieren

Sein bis dahin vor untergründiger Anspannung geradezu vibrierender Film entgleist allerdings mit dem Eintritt in das Kaufhaus zusehends. In der schwebenden nächtlichen Atmosphäre dieses schallisolierten Schlaraffenlandes entwickelt sich Nocturama zu einer Nummernrevue mit kalkuliert slapstickhaften Einlagen. Denn was machen diese Menschen, die Angst im Nacken, wenn sie plötzlich all das, was sie an anderen verachten, zur freien Verfügung haben? Klar, sie konsumieren und lassen es richtig krachen. Den Sound dazu liefert die Hightech-Bang-&-Olufsen-Stereoanlage frei Haus. Dazu lässt es sich dann auch wunderbar My Way schmettern, so wie Yacine es tut. Lidschatten und Lippenstift, die er sich dazu aufgelegt hat, stammen wahrscheinlich von Chanel.

Möglicherweise ist das sogar die eigentliche Provokation von Nocturama: Dass diejenigen, die das System mit Gewalt bekämpfen, im Augenblick ihres vermeintlichen Triumphs die süßen Früchte des Systems auskosten. Dass die Bombenleger am Ende in Schaumbädern und Wasserbetten liegen.