Nehmt das, ihr Cinephilen der Welt: Netflix ist zu groß für Cannes. Die allererste Produktion des Streamingdienstes, die in einem offiziellen Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes läuft, eignet sich nicht für die Kinoleinwand. Und diese Feststellung hat nichts damit zu tun, auf welche Seite man sich in den vergangenen Tagen geschlagen hat in der Frage der Liaison zwischen Cannes und Netflix. Als der Film Okja des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon Ho am dritten Festivalmorgen anläuft, wird Tilda Swintons Gesicht kurz unterhalb ihrer wasserstoffblonden Ponysträhnen einfach abgeschnitten. Ihr Oberkopf fehlt, ist schlicht nicht zu sehen.

Das kappt nach wenigen Minuten das Schnürchen, an dem dieses Riesenfestival sonst abläuft. Der Film stoppt, das Saallicht muss wieder eingeschaltet werden. Ein vor der rund zehn Meter hohen Leinwand winzig wirkender Festivalmitarbeiter begutachtet das Problem, spricht Anweisungen in sein Headset. Dann wird der Vorhang wieder ganz geschlossen, und für wenige Sekunden wirkt es, als hätte die Festivalleitung entschieden, bereits heute ihre erst für 2018 angekündigte Regeländerung umzusetzen und nur noch Filme zu zeigen, die in Frankreich auch im Kino zu sehen sein werden. Also nicht Okja.

Nach 13 Minuten Verzögerung beginnt der Film schließlich doch noch. Mit den leuchtendroten Buchstaben: Netflix. Laute Buhrufe, auf die lautes Klatschen antwortet. Das wiederholt sich, als Tilda Swinton das erste Mal vollständig ins Bild kommt. Nicht nur die Jury ist in Cannes tief gespalten, auch das Publikum. Kann man gute Filme nur auf einer Leinwand anschauen, die – wie es der Jurypräsident Pedro Almodóvar formulierte – "größer sind als der Stuhl, auf dem man sitzt"? Oder kann man sie auch auf einem Laptop oder gar auf einem Smartphone gucken?


Mit seinem letzten Film Snowpiercer hatte Bong Joon Ho eine differenzierte, böse Gesellschaftsdystopie gedreht. Ein Hochgeschwindigkeitszug rast darin mit den letzten Überlebenden der Menschheit ohne Unterlass durch eine apokalyptisch vereiste Welt. Wegen mangelnder Ressourcen und schlimmer Zustände kommt es innen zum Aufstand der hinteren Waggons. Bongs Snowpiercer verband Techniken und Bilder der asiatischen Cinematografie mit jenen des Westens. Der Film war eine gelungene Metapher für eine skrupellose Gesellschaft und deren brutale Unterdrückungsmechanismen.

Auch Okja transportiert eine ähnlich klare Botschaft, die der Regisseur nach der Pressevorführung seines Films – ungewöhnlich genug – selbst in Worte fasst: "Ich wollte einen Film drehen, der die uralte Frage nach dem Verhältnis von Kapitalismus und Natur behandelt. Denn wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, die uns glücklich macht, aber die Kehrseite sind schwindende Ressourcen und Tiere, die zwar mit uns leben, aber leiden müssen."

Diese Botschaft hat er in die Geschichte um das Mädchen Mija verpackt, das mit einer mutierten Riesensau zusammenlebt. Die heißt Okja und ähnelt einem Flusspferd mit Schlappohren. Das erste Exemplar dieser ungewöhnlichen Spezies hatte die amerikanische Firma Mirando vor zehn Jahren entdeckt und 26 Ferkel zu ausgewählten Züchtern weltweit in Pflege gegeben, um herauszufinden, unter welchen Bedingungen sich die Schweine am besten entwickeln. Eines der Ferkel landete im südkoreanischen Bergland bei Mija und deren Großvater und wuchs dort in einer symbiotischen Mensch-Tier-Freundschaft auf, wie sie Disney nicht hätte süßer erfinden können.

Diese paradiesische Zeit ist jedoch vorbei, die Firma will die ausgewachsenen Schweine jetzt miteinander vergleichen und das prächtigste in New York mit einer Mega-Show der Weltöffentlichkeit präsentieren. Dann wird die Unternehmensstrategie von der Konzernchefin Lucy Mirando (Tilda Swinton) endlich aufgehen: Die Menschen werden das perfekte Riesenschwein lieben und sein Fleisch (und das seiner heimlich bereits zu Tausenden gezüchteten Artgenossen) kaufen und essen.

Natürlich trifft es Okja, und natürlich will Mija sich nicht von ihr trennen. Sie reist der Sau nach, und bereits in Seoul erhalten Schwein und Kind unerwartete Hilfe von militant-gewaltfreien Tierschützern.