Ein beliebtes und daher wiederkehrendes Thema in unserer beschaulichen Runde der ARD-Sonntagabendkrimi-Diskussion hier ist ja: Wie realistisch wird die Realität im Film dargestellt? In jüngster Zeit ist "Realismus" vor allem zum Button der Zustimmung geworden, den die Mühselig-Beladenen im Tunnel ihrer Ängste auf alles kleben, was den eigenen Ressentiments halbwegs ähnlich zu sehen scheint. Darum soll es diesmal aber nicht gehen.

Sondern um etwas, das man fürs Erste vielleicht das Dortmund-Dilemma nennen könnte. Was haben wir, also ich, geschimpft über die abwegig zusammengelötete Terror-mit-Online-Banking-Nummer vor ein paar Wochen in Dortmund! Um dann die Geschichte hinter dem Anschlag auf den BVB-Bus zu erfahren, die den Tatort an Abwegigkeit mühelos übertraf.

Wer da als Realismus-Beobachter das Bestimmungsbuch rausholt, könnte mit Kennermiene sagen, dass es das gibt in der Wirklichkeit – abwegige Geschichten, dilettantische Verbrecher, merkwürdigste Handlungen. An dieser Stelle geht dann aber endlich die Sonne der Fiktion auf, tritt die Kunst auf die Bühne unseres Nachdenkens, denn es kann sich doch unmöglich der Sinn von Filmen darin erschöpfen, mit dem echten Leben Memory zu spielen.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Vielmehr gibt es Filme, damit wir ein paar schöne Geschichten erzählt bekommen, etwas Spannendes, Lustiges, Unterhaltsames. Und deswegen mag es dilettantische Verbrecher und unausgegorene Fälle zwar geben – damit die aber in einem Krimi vorkommen, der mehr betreiben will als Inventur, bedarf es einer Idee, wie der Dilettantismus sich in die Erzählung integrieren ließe.

Der Brandenburger Polizeiruf: Muttertag (rbb-Redaktion: Daria Moheb Zandi) hat eine. Hier gibt es einen Täter, der alles andere als das perfekte Verbrechen begangen hat, das Columbo-mäßig als Kunstwerk genüsslich interpretiert und dekonstruiert werden könnte. Enrico Schoppe (groß: Anton Spieker) ist nicht, wie "der Brite" (Fritz von Thurn und Taxis) in seinem unnachahmlichen Humor sagte, "the sharpest knife in the drawer". Aber gerade damit nimmt der Film, vor allem seine Mutter (noch größer: Ulrike Krumbiegel) Enrico in Schutz – weil immer alle auf ihm rumhacken in dem uckermärkischen Dorf, gesteht die Geschichte dem Jungen Sympathie zu. Ein einfacher, aber wirkungsvoller Zug.

Wo die Nebenschauplätze der Ermittlung im ARD-Sonntagabendkrimi häufig lieblos aufgerufen werden, steckt Muttertag einige Energie in die Ausgestaltung seiner Lebenswelt (Drehbuch: der Polizeiruf:-Rostock-Erfinder Eoin Moore und Anika Wangard, Regie: Moore). Das meint, ganz plastisch, auch das production design, also Szenenbild (Justyna Jaszczuk) und Kostüme (Nici Zinell), die etwas zu dringliche Farbigkeit des Landgasthofs, in dem Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lukas Gregorowicz) übernachten, oder der etwas zu puffige Fellbesatz von Mutter Schoppes Jacke.