Zur Abwechslung könnte man sich die Welt des ARD-Sonntagabendkrimis einmal als Kartenspiel vorstellen. In dem hätte der Münchner Polizeiruf ein ebenso gutes Blatt wie der Münchner Tatort (Hat es das eigentlich schon mal gegeben, liebe Statistik-Aficionados, dass BR-Tatort und BR-Polizeiruf direkt nacheinander gelaufen sind?), weil er bei jedem Spiel schon einen großen Trumpf in der Hand hielte – seinen Ermittler. Wenn man den Ivo und den Franz wegen ihrer langen Dienstzeit zwangsläufig als die beiden Alten bezeichnen müsste, bliebe als Assoziation für den merveillösen Meuffels von Matthias Brandt die Welt des Doppelkopfs: ein Fuchs.

Oder so ähnlich. Jedenfalls ist Brandts Figur eine Attraktion in ihrer lässigen Männlichkeit. Und wenn Meuffels sich in Nachtdienst (BR-Redaktion: Cornelia Ackers; Redaktionelle Mitarbeit: Tobias Schultze) gleich zu Beginn gegenüber der verwirrten alten Frau Strauß (Elisabeth Schwarz) als Beamter der Herzen zu erkennen gibt ("Wie kann ich Ihnen helfen, gnädige Frau?") und umgehend als Gentleman gepriesen wird ("Männer wie Sie gibt es nicht mehr viele"), dann kann man sich die Szene schon mal ausschneiden und beiseitelegen für die Zeit, in der wir Meuffels vermissen werden.

Die guten Umgangsformen führen den Kommissar hinein in einen Fall, der deshalb lange unklar liegt, weil er sich in der Dämmerung der Demenz ereignet. Frau Strauß redet etwas von einem Mord, aber sie geht gleichzeitig davon aus, einen Termin mit einem französischen Parfümvertreter zu haben. Der Einfall ist reizvoll (Drehbuch: Ariela Bogenberger, Astrid Ströher nach einer Idee von Tom Kreß) und könnte eigentlich Stoff für eine Komödie bilden: Kommissar Meuffels muss, bevor er Täterschaft ermitteln kann, erst einmal herausfinden, ob es überhaupt einen Fall gibt.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Daraus bezieht Nachtdienst seine Spannung im guten ersten Drittel, auch wenn eine Prolepse mit SEK-Einsatz am Anfang schon verraten hat, dass es am Ende ziemlich aufregend werden wird – der ARD-Sonntagabendkrimi braucht in seinen ersten Minuten eben tote Körper im Bild wie das Vaterunser sein Amen am Ende. So glutamathaft der Trick mit der Rückblende sein mag ("9 Stunden früher"), die unverlässliche, weil demente Zeugin verschafft der Form eine besondere Würze: Welche Geschichte wird schließlich den Weg weisen, der zwischen Frau Straußens unklarem Bericht und dem finalen Rambazamba liegt?

Inszeniert ist die Ermittlung mit Gefühl für die Stimmungen, für die das gelockerte Krawattentum von Meuffels empfänglich ist (Regie: Rainer Kaufmann): die Nacht, die Verlorenheit und Einsamkeit auf den Fluren des alten Pflegeheims. Die Jazzmusik; Theolonius Monk, den Meuffels Frau Schwarz im Auto erklärt, als wäre es ein Polizeiruf von Christian Petzold, und dessen Klaviergesten nachhallen im angenehm ruhigen Sphärismus von Richard Ruzickas Filmmusik, die nicht billig auf Dramatik macht, sondern durch dosiertes Wabern und knappe Dissonanzen daran erinnert, dass etwas nicht stimmt in Nachtdienst.