Die Szenerie erinnert an ein in die Jahre gekommenes Raumschiff: Im Hintergrund steht ein riesiges Rack mit blinkenden elektronischen Geräten in einem unüberschaubaren Kabelgewirr, im Vordergrund noch mehr Technik und Kabelsalat. Dazwischen sitzt Ricardo Villalobos lässig auf einem Drehstuhl neben imposanten Lautsprechern, die wie riesige weiße Megaphone aussehen und Kubricks A Space Odyssee entstammen könnten. Er lauscht einer Platte der Experimentalband Minus Delta T aus den achtziger Jahren. Mit viel Hall ertönt ein Muezzin. "Krass!", sagt Villalobos und faltet beeindruckt das aufwändige Cover auseinander. Knapp fünf Minuten dauert die Eröffnungssequenz von Denk ich an Deutschland in der Nacht, bevor der Film mit einem unvermittelten Schnitt in die zweite, fast ebenso lange Sequenz wechselt: Auch die spielt wieder in einem Studio und zeigt die Schweizer Produzentin und DJ Sonja Moonear, wie sie am Sound eines Tracks feilt. Mit seinem Dokumentarfilm will Romuald Karmakars ganz im Gegensatz zu Heines titelgebendem Gedicht von den Freuden der Nacht und der Gemeinschaft im Club erzählen. Bislang sind aber nur vereinzelte Menschen mit Maschinen zu sehen. Geht Party nicht anders?

Wieder ein harter Schnitt: Jetzt folgt die Kamera dem DJ Roman Flügel durch karge Backstagegänge, und endlich landen wir in einem Club. Mit hypnotischem Techno schaukelt Flügel die Menge langsam in kollektive Euphorie. Die Sequenz dauert fast zehn Minuten. Karmakars filmische Annäherung an sein Thema ist weit entfernt von den gängigen Bildern der Clubkultur. Die sehen schnelle Schnitte, große Raves vor, hedonistisches Partyvolk in Nahaufnahme, mit Handkamera aus der Menge heraus gefilmt. Karmakar steht immer am Rand. Die Kamera bewegt er während der ungewohnt langen Einstellungen grundsätzlich nicht.

Ungewöhnlich sind solche Szenen für Romuald Karmakar nicht. Er hatte bereits zehn Jahre lang autodidaktisch Dokumentarfilme gedreht, bevor er sich 1995 als Dreißigjähriger mit dem Kammerspiel Der Totmacher mit Götz George an ein größeres Publikum wandte. Mit Erfolg. Trotzdem hat er nur wenige Spielfilme gemacht (Manila; Die Nacht singt ihre Lieder). Er widmet sich vor allem dem Dokumentarischen. Seit 2003 hat er mehrere Filme über die Clubkultur gedreht und sich bereits 2008 mit Villalobos einem der fünf Protagonisten seines jüngsten Films gewidmet. In Denk ich an Deutschland in der Nacht begleitet er ihn und vier weitere DJs, die auch Musiker sind, bei ihrer Arbeit im Studio und in den Clubs, schaut ihnen zu, hört genau hin.

Kino - "Denk ich an Deutschland in der Nacht" (Trailer) © Foto: Rapid Eye Movies

In den extrem langen Einstellungen sieht Karmakar eine Möglichkeit, der Entstehung und Wirkung von Musik nahezukommen. Auch seine Protagonisten dehnen die Zeit, bauen in ihren DJ-Sets langsam Spannungsbögen auf, um das Publikum für ihre Musik zu öffnen. "Dafür benötige ich Zeit. Eine Stunde reicht da nicht, ich brauche zwei oder drei Stunden", sagt Sonja Moonear. Über einen Abend hinweg entstehe so eine Gemeinschaft, die Ricardo Villalobos als ganz besondere "Wertegemeinschaft" beschreibt: "Man schraubt alle Werte auf ein niedriges Level runter, sodass keiner mehr mit komplizierten Werten kommen kann. Man trifft sich auf dem niedrigsten Wert, und das ist eine gleichbleibend rhythmische Musik, die es schafft, sehr viele Leute in diesen Zeiten von Atomisierung und Vereinzelung zusammenzubringen. Wir kümmern uns um dieses Zusammenbringen." Solche Gedanken tragen den Film. Man hat das Gefühl, dass nicht der Film, sondern die Musiker den Flow entfalten – ob sie nun Musik machen oder über Musik reden. Karmakar lässt sie schlicht gewähren. Früher hat ein Discjockey zum Anheizen des Publikums viel geredet. Mit Techno ist er stumm geworden. Bei Karmakar darf er nun wieder reden: Davon, dass das Plattenauflegen neben musikalischen Fähigkeiten auch Instinkt, Empathie und Sinn für Dramaturgie erfordert und zugleich zu allerhand philosophischen Diskursen anregt.

Die Montage des Films bleibt demgegenüber sperrig. Immer wieder springt der Film, plötzlich, scheinbar willkürlich, vom Open-Air-Rave zum Sofa, vom Studio zum Kellerclub, vom Konzertsaal auf die Obstwiese und in die Großraumdisco – wie eine Plattennadel, die aus der Rille hüpft. Der Film imitiert weniger die Clubnacht, als dass er sie analysierend umkreist. Distanz ist das oberste Gebot dieser Analyse. Kein Erzähltext, kaum eine Interviewfrage, nicht mal die Namen der Protagonisten oder Clubs werden eingeblendet. Es geht schlicht um das, was im Club passiert. Hier entfaltet der Film seine Stärke. Wenn Ata von der Housemusik als einem unendlichen Flickenteppich spricht, der sich trotz überlieferter Muster immer wieder erneuere, ahnt man, wie dieses Gewebe auch die Tänzer in der Nacht zusammenhält. Wenn Ricardo Villalobos die klare Sprache einer Tanzfläche definiert, beschreibt er anschaulich das utopische Gesellschaftsmodell der Raving Society, die man in den neunziger Jahren ausrufen wollte. Und wenn Sonja Moonear von den spirituellen Seiten der Musik redet, formt sich ein Bild der Clubkultur als Ort einer Gemeinschaft.

Karmakar stutzt nichts zurecht. So entsteht schließlich der Höhepunkt des Films: Der DJ und Produzent David Moufang alias Move D steht auf einer Apfelbaumwiese und sinniert über die Geräusche in der Welt, von den Insekten auf der Wiese, auf der er steht, über die Großstadtsounds von Paris und New York bis ins Weltall und zurück zu den Klängen von Mikroben. Es ist ein beeindruckender Spontan-Vortrag und das Abschweifen lohnt sich. Die Faszination des DJs für die körperlose Kunst der Musik zwischen Physik, Mathematik und Philosophie fließt bis in spirituelle Sphären. Dabei funktioniert Moufangs Rede genau wie ein langsam auf einen Höhepunkt zusteuernder Technotrack. Obwohl die Szene gänzlich ohne Musik auskommt, erfüllt der Film gerade in solchen Momenten seinen Anspruch, Musik ganz nah zu kommen.