Zu Beginn scheint es, als wäre Rosemari eine nette Reminiszenz an das dänische Dogma-Kino. Einiges weist zumindest darauf hin: Da wären das große Fest (eine Hochzeit), das unerwartete Ereignis (ein Baby), eine wackelige Camcorder-Sequenz für ein wenig Realitätspathos und eine Ausgelassenheit, die schon erahnen lässt, dass die dramatische Wendung nicht lange auf sich warten lassen wird.

Es ist die Hochzeit von Unn Tove (Tuva Novotny), einer jungen Frau Ende 20, die ihre langen Locken zur Brautfrisur gezähmt hat. Sie liebt eigentlich Kristian, heiratet aber Jonas. Das wäre für sich genommen ja schon vertrackt genug, doch dann ist da auch noch dieses Neugeborene, das plötzlich in der Toilettenkabine nebenan liegt. Blutverschmiert, kreischend, die Nabelschnur hängt noch, trägt Unn Tove es in den Festsaal. Was natürlich ein tolles, dogmahaftes Bild hergibt: rote Flecken auf weißer Spitze.

Nun ist Rosemari aber kein ausschließlich dänischer Film, sondern eine norwegisch-deutsch-dänische Koproduktion, und vielleicht ist es dieser Zusammenarbeit zuzuschreiben, dass sich neben der anfänglichen Dogma-Assoziation ein anderes, irgendwie deutsch-skandinavisches Genre in den Film einschleicht, eines, das an Sonntagabend vor dem öffentlich-rechtlichen Fernsehbildschirm erinnert, an eine Welt, in der die dunkle Vergangenheit in eine sonnige Gegenwart platzt und sich am Ende alles fügen wird.

Zeitsprung. 16 Jahre später ist Unn Tove eine arrivierte Fernsehjournalistin, ordentlich gekämmte Haare verweisen auf ein ordentlich gelebtes Leben. Mittlerweile geschieden und Mutter zweier Töchter, leitet sie gemeinsam mit ihrer besten Freundin Hilde einen lokalen Fernsehsender. Hilde (Laila Goody) quasselt am liebsten über Sex, träumt von Samtbändern und Lederpeitschen und sagt Sätze wie: "Ihr Körper liebt ihn, aber ihr Kopf glaubt, er wäre nicht gut genug." Im Lesekreis diskutieren die Frauen eifrig den Roman Sturmhöhe der britischen Schriftstellerin Emily Brontë, der um das Findelkind Heathcliff kreist.

Dann steht plötzlich Rosemari (Ruby Dagnall) vor der Tür, ein junges, etwa 16-jähriges Mädchen mit kurzen Haaren und grimmigem Blick, das sich unter einem Vorwand zur Gartenarbeit anbietet. Natürlich dauert es einen Moment, bis Unn Tove begreift, dass das nun "ihre Heathcliff" ist. Und noch einen Moment, bis sie Rosemari begreiflich gemacht hat, dass sie nicht ihre  Mutter ist, sondern nur diejenige, die sie kurz nach ihrer Geburt auf der Toilette auflas. Doch praktischerweise ist Unn Tove ja Fernsehjournalistin und bietet Rosemari kurzerhand an, ihr bei der Suche nach ihrer leiblichen Mutter zu helfen. Gegen den Willen der Pflegeeltern plant sie einen Exklusivbeitrag, denn: "Es geht hier um etwas ganz Großes."

Gezeugt auf einem Pornodreh

Die Spur führt erst einmal zurück ins Hotel, in dem damals die Hochzeit stattfand. Und während Unn Tove stets ihre Kamera draufhält, so wie man sich vorstellt, dass eine Fernsehjournalistin immer ihre Kamera draufhält, kommen sie und Rosemari durch ein paar Gespräche mit Hotelangestellten der Sache erstaunlich schnell nahe. Die Eltern sind fix ausgemacht, ein Junkie und eine Pornodarstellerin, die, so erfahren sie, gemeinsam für den Baron gearbeitet hätten. Ein alter Freund verrät: "Die beiden haben sich" – Kunstpause – "wirklich geliebt. Sie haben sich sogar gegenseitig mit Rasierklingen ihre Namen in die Haut geritzt. Das war ihre Art von Liebe."

Einige Rückblenden illustrieren das, die Liebe, die Rasierklingen, die Namen in der Haut. Rosemari und Unn Tove fliegen nach Kopenhagen, um dort den Baron zu treffen: einen schmierigen Typen, der sich sein Geld im Pornogeschäft verdient hat und durch einen Filmpreis, wie er nachdenklich reflektiert, den Weg in die "bessere Gesellschaft" gefunden hat. Dann druckst der Baron ein bisschen herum. Er sei hin und wieder Stand-in für den Freund von Rosemaris Mutter gewesen. "Stand-in?", fragt Rosemari.

Ein wenig störrische Würde behalten

"Gezeugt auf 'nem Pornodreh und geboren auf 'ner Toilette!", fasst sie wenig später die Absurdität ihrer eigenen Figur zusammen. Und malt vor lauter Wut, ganz der rebellische Teenager, mit knallrotem Lippenstift einen traurigen Smiley auf den Hotelspiegel. So machen junge Leute das. Wer nun enttäuscht beklagt, der Twist sei damit schon verraten, dem sei versprochen, dass die Regisseurin Sara Johnsen noch einen draufzusetzen weiß.

Es ist nicht schwer zu entziffern, was Rosemari sein möchte: ein Film über die Suche nach der eigenen Herkunft, über den Wunsch danach, zu wissen, woher man kommt. Ein ganz schön großes Thema für ein Drehbuch, das sich mit eindimensionalen Charakteren und einer voyeuristischen Auflösung im Pornomilieu (natürlich bleibt auch hier die Rückblende nicht ausgespart) begnügt. Der Ernsthaftigkeit des Sujets wird höchstens Hauptdarstellerin Ruby Dagnall gerecht, der es trotz schlechter Voraussetzungen gelingt, ihrer Rolle eine störrische Würde zu verleihen. Der Rest ist skandinavische Problemidylle.