Volker Schlöndorff ist guter Laune. Sein Langzeitprojekt um Max Frisch' Erzählung Montauk hat auf der Berlinale Premiere gefeiert und dem Publikum, sagt er, hat's gefallen. Rückkehr nach Montauk heißt der Film. Es ist keine werkgetreue Verfilmung, sondern tatsächlich eine Adaption, eine höchst persönliche Interpretation von Literatur, in die mindestens ebenso viel Autobiografisches von Schlöndorff eingeflossen ist wie einst von Frisch. Der schwedische Schauspieler Stellan Skarsgård spielt darin den Schriftsteller Max Zorn, der nach Jahren für eine Lesung nach New York zurückkehrt, wo er Rebecca Epstein wiedertrifft, einst seine große Liebe. Nina Hoss spielt diese enttäuschte Frau, die inzwischen eine erfolgreiche Anwältin ist. Gemeinsam verbringen sie noch einmal ein Wochenende in Montauk.

Es sei jeden Tag das reine Glück gewesen, mit den beiden zu arbeiten, sagt Schlöndorff während des Gesprächs. Am Handgelenk trägt er einen ungewöhnlichen Armreif aus Leder und Silber, auf dem die Zeichen 41°03´N und 71°95´W eingraviert sind: die Koordinaten von Montauk. Nina Hoss hat ihm den zur Premiere geschenkt. Offensichtlich war es auch für sie ein schönes Arbeiten.

ZEIT ONLINE: Herr Schlöndorff, wäre Max Frisch mit Ihrem jüngsten Film zufrieden?

Volker Schlöndorff: Ich glaube schon. Frisch war sehr tolerant. 1991 habe ich aus seinem Homo Faber, dem Schweizer Ingenieur, einen Amerikaner gemacht und dachte, er springt im Kreis, aber er hat das sofort akzeptiert.

ZEIT ONLINE: Diesmal verflechten Sie Frisch' Erzählung Montauk und Frisch' Biografie mit ihrer eigenen Biografie. Außerdem fließt noch Biografisches von Colm Tóibín ein, der ebenfalls Schriftsteller ist und mit Ihnen am Drehbuch gearbeitet hat.

Volker Schlöndorff: Ja, es ist ein unglaubliches Gemenge. Da werden noch viele Doktorarbeiten in Philologie drüber geschrieben werden. Einige Anspielungen erkennt man beim ersten Sehen möglicherweise gar nicht. Es ist ein Vexierspiel – oder vielleicht auch nur dieses Spiel "Finde den Fehler".

ZEIT ONLINE: Jedenfalls möchte man Ihnen zu diesem Film relativ persönliche Fragen stellen.

Schlöndorff: Das ist kein Problem. Ich versuche denen auszuweichen.

ZEIT ONLINE: Max Frisch hat Montauk geschrieben, um "Auskunft über sich selbst" zu geben, schreibt er, "wenn möglich Wahres". Gilt dies auch für Ihren Film?

Schlöndorff: Ja. Es ist sogar exakt das, was ich mir als Herausforderung selbst aufgeschrieben habe. Ich musste keine Handlung erfinden, ich musste keine dramaturgischen Konflikte herstellen, aber ich musste versuchen, so genau wie möglich jeden Augenblick zu beschreiben. Das ist die Sehnsucht beim Filmemachen – und vermutlich auch beim Romaneschreiben –, dass man irgendwo ein Stück Leben einfängt. Wenn es einem gelingt, sagen die Leute hinterher natürlich: "typisch Kintopp" oder "Soap-Opera". Aber in Wirklichkeit sind dann Momente drin, in denen es mich selbst auch reißt, weil das "gelebte Leben" durchscheint. Life lived hat das Henry James genannt. Für ihn die Grundvoraussetzung für einen guten Roman.

ZEIT ONLINE: Welche Momente in Rückkehr nach Montauk sind solch "gelebtes Leben"?

Schlöndorff: Viele. Zum Beispiel Max' Erschütterung, die Frau, der er einmal sehr nahe war, nach vielen Jahren wiederzusehen. Es fehlen einem dann alle Mittel. Man starrt sie an und denkt: "Die hat sich gar nicht verändert!" Wobei natürlich mitschwingt: "Ich würde mich sofort wieder in sie verlieben!" Auch wahr ist, dass es mal einen Kinderwunsch gab, der nicht erfüllt worden ist. Der Mann ging weiter und machte ein Kind mit einer anderen.

Selbst wenn die Hauptfigur im Film ein Komposit ist – erstens bin ich kein Schriftsteller, zweitens heißt die Figur im Film Max und hat einen Max Frisch als Hintergrund, und drittens hat auch Colm Tóibín mitgeschrieben, ebenfalls Schriftsteller – trotz dieser anderen Einflüsse muss ich sagen: Alle Fehler, die dieser Max macht, habe ich auch gemacht.

ZEIT ONLINE: Sie waren damals mit Margarethe von Trotta verheiratet und haben sich, als sie Mitte der achtziger Jahre Tod eines Handlungsreisenden gedreht haben, in New York verliebt.