So richtig schmecken will der Sonntagsbraten nicht mehr. Dabei liegt das Kaninchenfleisch so schmackhaft in der braunen Soße zwischen den Klößen. Alles könnte so sonntagsgesättigt idyllisch sein, wenn Thomas Holzer (Hanno Koffler) seiner kleinen Tochter Nora (Eve Marie Gleißner) nicht gerade eben im Schuppen bei den Kaninchenställen erklärt hätte, dass beim Bratentier irgendwas mit der Fellzeichnung an der Blume nicht gestimmt habe. Dass man mit so einem Tier keine Preise erzielen könne, dass solche Tiere getötet werden müssen. "Sonst ist die Rasse ja nicht mehr rein." Die Kleine nimmt den Vortrag recht emotionslos zur Kenntnis.

Den Großvater Karl Holzer (Herbert Knaup) beschleichen dagegen bereits die schlimmsten Vermutungen über die ideologische Gesinnung seines Sohnes und dessen Aktivitäten im rechtsradikalen Untergrund. In der gut situierten Mittelstandsfamilie des Friseurmeisters mit Kruzifix über der Eingangs- und der Schlafzimmertür geraten die Selbstverständlichkeiten ins Wanken. Nicht nur in der Familie Holzer, in der ganzen Kleinstadt gibt es einen nicht einsehbaren Bereich, in dem der Rechtspopulismus in Mord gipfelt. Toter Winkel heißt der Film des Regisseurs Stephan Lacant, der schon mit seinem Langfilmdebüt Freier Fall auf sich aufmerksam machte, in dem es um einen homosexuellen Polizisten ging.

Dass Toter Winkel als Mittwochsfilm in der ARD zur besten Sendezeit läuft, mutet ob seiner Wahrhaftigkeit und Schonungslosigkeit fast unglaublich an. Was dieser Film auf erschütternde Weise erzählt, ist das nicht wahrgenommene Wiederaufkeimen des Rechtsradikalismus mitten unter uns; mitten in irgendeiner deutschen Kleinstadt, die stellvertretend für viele Orte stehen kann. Im alltäglichen Gleichmut versteckt sich das Extreme, das irgendwann gewaltsam herausbricht.

Rechtsradikale in Polizeiuniform

Alles beginnt mit der nächtlichen Abschiebung der Familie Krasniqi. Ein Klingeln reißt die Eltern und ihre drei Kinder aus dem Schlaf. 20 Kilogramm Gepäck darf jeder mitnehmen. Ihr Bleiberecht sei abgelaufen; es gehe zurück in den Kosovo. Wie die Mutter noch schnell Fotos einpackt, die Kinder sich an Stofftieren festhalten und die Polizisten sie in ihrer kleinen bescheidenen Wohnung antreiben, ist schwer aushaltbar. Die Betten sind noch warm, da wird die Familie draußen zum Auto getrieben. Dass die Abschiebung der Familie Krasniqi eine Inszenierung von Rechtsradikalen in Polizeiuniform ist, lässt sich hier erst vage erahnen. Vermutlich wäre der Fortgang der Krasniqis auch nur von ein paar Nachbarn stillschweigend zur Kenntnis genommen worden, wenn die 17-jährige Anya (Emma Drogunova), die bereits in Deutschland geboren ist, nicht fortgerannt wäre. Aus der selbst ernannten Polizeitruppe nimmt Manuel die Verfolgung auf und wird beim Überqueren der Autobahn von einem Laster überfahren. Sein Tod setzt Ermittlungen in Gang, die das LKA auf den Plan rufen, denn man hat bei ihm die Dienstwaffe eines vermutlich von Rechtsradikalen getöteten Polizisten gefunden.

Auch Thomas Holzer, ein Freund von Manuel, gerät in die Ermittlungen. Nun wird das Grauen offenbar: Karl Holzer muss erkennen, dass sein Sohn ein Nazi ist. Zunächst stößt er auf Fotos, die Thomas mit Hitlergruß zeigen, dann singt die sechsjährige Enkelin beim Haareschneiden nach "Bruder Jakob" plötzlich die "Wacht am Rhein". Und es dauert auch nicht lange, bis er in der Garage seines Sohnes das Handy der Krasniqi-Eltern findet, auf dem stets und ständig verzweifelte und besorgte Nachrichten von Anya eingehen, die sich bei einem Freund versteckt. Sie kann nicht wissen, dass ihre Familie bestialisch ausgelöscht wurde.

Wir als Zuschauer aber sind dabei, wenn Friseurmeister Holzer die Schreckensnacht, in der auch sein Sohn über Leben und Tod entschied, rekapituliert und seine schlimmsten Vorstellungen zu realen Bildern werden. Hier muss man nun wirklich auf die geniale Schnitttechnik von Monika Schindler hinweisen, die erst kürzlich den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises gewann. Szenen eines schier unvorstellbaren Verbrechens schieben sich in die Leerstellen von Holzers Mutmaßungen, werden zur Deckung gebracht und lassen alle schlimmen Befürchtungen zu noch schlimmeren Zuständen werden.