Sie haben es nicht lassen können. Die Fortsetzung von Twin Peaks beginnt mit einer alten Szene. Laura Palmer flüstert Agent Dale Cooper die magischen Worte zu: "Wir sehen uns wieder in 25 Jahren." Die Szene stammt aus der letzten Folge der Serie im Jahr 1991 und für mysteriengläubige Fans, und das sind nicht wenige, schließt sich hier ein Kreis. Streng genommen waren es zwar 26 Jahre, die es gedauert hatte, Twin Peaks ins Fernsehen zurück zu bringen – der Regisseur David Lynch hatte zwischenzeitlich den Krempel hingeworfen – aber das macht das Wunder der Wiederauferstehung für seine Anhänger nicht geringer.

Vor 26 Jahren, am 10. Juni 1991, erlebten die Twin Peaks-Zuschauer das wohl verstörendste Serien-Ende der Fernsehgeschichte: Der Held, Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan), erlitt ein Schicksal, das schlimmer war als der Tod. Zwei Staffeln und 30 Episoden lang waren Millionen Menschen der morbid-bizarren Geschichte von David Lynch und Mark Frost gefolgt, und auch als der Mörder der High-School-Schönheit Laura Palmer in der Mitte der zweiten Staffel enthüllt (oder, wie in Deutschland, vom Konkurrenzsender Sat1 verraten) worden war, änderte das nichts an der Begeisterung. Es ging ja in Twin Peaks um viel mehr als die Frage des whodunit. Die Serie bildete ein Panoptikum der amerikanischen Kleinstadt, ja, der gesamten amerikanischen Geschichte und Popkultur. Und der Regisseur Lynch malte es in den pittoresken und zugleich albtraumartigsten Farben aus.

Nun also 18 neue Folgen, die bis Anfang September jeden Sonntag zur Primetime auf dem US-Sender Showtime (in Deutschland ab 3 Uhr nachts parallel auf Sky) zu sehen sein werden. Dass die ersten beiden Episoden am Donnerstag auch in Cannes gezeigt werden – als erste Serie überhaupt – dürfte Lynch besondere Genugtuung bereiten. Sein Prequel zur Serie, Twin Peaks – Der Film war bei der Premiere auf dem Filmfestival 1992 ausgebuht worden.

Um ein paar Hollywoodstars angereichert

Viele Darsteller der alten Garde sind bei der Neuauflage wieder dabei: Neben Kyle MacLachlan als Agent Cooper etwa Sheryl Lee als Laura Palmer, Michael Horse als Deputy Hawk,  Sherilyn Fenn als Audrey Horne, Mädchen Amick als Shelly Johnson, Peggy Lipton als Norma Jennings und Ray Wise als Leland Palmer. Zu der insgesamt mehr als 200-köpfigen Besetzung zählen diesmal auch ein paar Hollywoodstars wie Naomi Watts, Tim Roth, Jennifer Jason Leigh und Monica Bellucci.

Wie also geht es weiter im kleinen Holzfällerdorf im Norden der USA, diesem Sehnsuchtsort, der von einer bösen Macht befallen ist? Der erste Schock für Twin Peaks-Puristen kommt in Minute acht. Da befinden wir uns auf einmal in New York, in einer seltsamen Fabriketage, in der ein junger Mann einen Glaskubus bewacht und "beobachten soll, ob etwas darin erscheint". Eine junge Frau kommt zu Besuch, sie bringt Kaffee mit, und gerade als sie Sex haben wollen, erscheint tatsächlich etwas in dieser Box. Etwas Außerirdisches, das von seinen Beobachtern nicht viel übrig lässt.

Zwei Coopers tauchen auf

Ein weiterer Handlungsstrang spielt in einer Kleinstadt in South Dakota, wo die entstellte Leiche einer Frau gefunden wird und ein Highschool-Rektor als Tatverdächtiger verhaftet wird. Und Agent Cooper taucht wieder auf, beziehungsweise gleich zwei Coopers: Der Agent im schwarzen Anzug, wie er in den ersten Staffeln aufgetreten war, und ein Alter Ego: langhaarig, sonnengegerbt, mit enger schwarzer Lederjacke.

So wie schon im alten Twin Peaks nicht so sehr die tatsächliche Aufklärung des Mordfalls Laura Palmer im Mittelpunkt stand, so werden die Krimi-Elemente auch in der Fortsetzung wohl nur den Rahmen bilden für den eigentlichen Kampf zwischen Gut und Böse. Es wird, so viel kann man den kryptischen Bildern der ersten vier Folgen entnehmen, um den Kampf um Agent Coopers Seele gehen.

Mehr als nur Nostalgie?

Auf dem Cover der neuen Staffel sieht Laura Palmer immer noch so aus wie vor 25 Jahren. © Showtime/Sky

Die gute Nachricht ist: Twin Peaks sieht immer noch aus wie damals – die vernebelten Wälder, die düsteren Holzhäuser, der berühmte "Rote Raum". Das wird die Nostalgiker freuen, doch wenn die Serie auch heute wieder ein Erfolg werden will, muss sie auch ein neues Publikum begeistern können. "Ist das die Zukunft oder die Vergangenheit?", fragt der Einarmige (auch er eine emblematische Figur der Serie) in einer Szene und stellt damit die Gretchenfrage. Kann diese Fortsetzung im heutigen sogenannten goldenen TV-Zeitalter überhaupt mehr sein als ein wohliger Sofakissen-Horror für diejenigen, die damals schon dabei waren?

Als Frost und Lynch Twin Peaks erfanden, waren sie selbst Teil einer Fernsehrevolution. Die Serie, die im April 1990 anlief, konkurrierte mit Soaps wie Dallas, Baywatch und Falcon Crest. Es war ein ungeheuerliches TV-Experiment, das der Sender ABC unternommen hatte: einen umstrittenen Regisseur wie Lynch zu engagieren, der damals mit seinem Sex-Drogen-und-Gewalt-Thriller Blue Velvet selbst die Arthouse-Gemeinde verschreckt hatte, und ihm nahezu freie Hand zu geben. Doch der Coup ging auf.

Den Pilotfilm am 8. April sahen 35 Millionen Zuschauer. Sämtliche Kritiker der großen Tageszeitungen gingen auf die Knie: "Twin Peaks ist New Age Musik für das Auge", schrieb die Washington Post. Das Wall Street Journal sprach von der "Aufsehen erregendsten und eigentümlichsten Vision im heutigen Fernsehen", die New York Times von der "bizarrsten und überzeugendsten Ansammlung von Charakteren", die je in der Primetime zu sehen war.

Binnen weniger Wochen waren Lynch und Frost zu den Erneuerern einer veralteten und konservativen Unterhaltungsindustrie geadelt geworden. Was man heute unter dem Begriff des horizontalen Erzählens versteht – die Abkehr von der in sich abgeschlossenen Episode zu einem staffelübergreifenden Spannungsbogen, der nicht mehr den Gesetzen des Cliffhangers unterworfen ist –, haben Lynch und Frost vor 26 Jahren vorgemacht. Auch das Prinzip des Showrunners, der über die gesamte Serie den Überblick über Drehbuch, Plot- und Charakterentwicklung sowie Regieführung hat, verkörperten die beiden schon damals. Zumindest in der ersten Staffel.

Dialogfreie Abfolge psychedelischer Bilder

Vor diesem Hintergrund ist die Rückkehr dieser beiden Männer, die wieder beide als ausführende Produzenten auftreten, tatsächlich ein spannendes Experiment: Als würden zwei Athleten, die einen neuen Laufstil erfunden haben, nach einem Vierteljahrhundert wieder antreten. Gegen eine neue Generation, die auf seiner Technik aufgebaut und diese noch weiter perfektioniert hat.

Anders als in der Vergangenheit hat Lynch diesmal bei allen Folgen Regie geführt. Genau das könnte zum größten Problem der Neuauflage werden. Denn schon in den ersten beiden Folgen zitiert sich der Regisseur ausgiebigst selbst. Ein Großteil der Handlung spielt im "Roten Raum", einem symbolischen Ort der Serie, einer Art Zwischenwelt zwischen Gut und Böse. Die erste Hälfte der dritten Folge ist eine fast dialogfreie Abfolge psychedelischer Bilder.

Auch Lynch selbst hat wieder einen Auftritt als schwerhöriger FBI-Chef Gordon Cole. © Showtime/Sky

Die Serie gleicht manchmal eher einer Videoinstallation aus alten David-Lynch-Motiven als einer Fernsehserie. Wahrscheinlich erkennt man erst jetzt, welchen wichtigen Einfluss Lynchs Partner Mark Frost damals auf das Projekt hatte. Er bewältigte die Aufgabe, Lynchs visionäre Sequenzen und abgedrehte Charaktere in einen über 30 Folgen tragende Geschichte einzubetten, den Zuschauer ständig zu reizen, aber nicht völlig zu überfordern.

Die neuen Folgen erinnern eher an Lynchs letzten Kinofilm, den erratischen und schwer verdaulichen Inland Empire (2006). Es ist zu befürchten, dass sich der Regisseur auch in den weiteren 14 Sendestunden von Twin Peaks auf sein Lieblingsthema beschränken wird: die verschiedenen Bewusstseins- und Daseinsebenen des Menschen. Sein armer Agent Cooper muss erst durch diverse Zwischenwelten schweben und ins All geschossen werden, um schließlich – kein Witz – als schwarzer Rauch aus der Steckdose in die Realität (Ha! Als ob es die gäbe!) gepustet zu werden.

Ein sprechender Baum

Enttäuschend ist nicht nur, dass Lynch altbekannte Bilder so lange ausschlachtet, bis sie vollends ihren Grusel verlieren. Ihm sind offensichtlich auch keine adäquaten neuen eingefallen. Ein Alien, eine deformierte Leiche – damit setzt man heute keine Standards mehr. "Ein sprechender Baum ist das Beste, was Twin Peaks liefert – nach 25 Fortschritt und Spezialeffekten", schrieb ein Zuschauer auf Twitter.

In einem Interview zum Start der Serie 1990 hatten Lynch und Frost erklärt, das Schönste sei für sie gewesen, mit Twin Peaks ihre eigene Stadt, ihr eigenes Universum erschaffen zu können. Ob es Lynch und Frost gelingt, ihr Twin Peaks wieder zu einem Sehnsuchtsort für viele Zuschauer zu machen, ist zu bezweifeln. So wie es aussieht, wird diese Welt nicht wiederauferstehen. Wahre Fans wird all dies nicht stören. Für sie hat sich am Abend des 21. Mai 2017 eine Prophezeiung erfüllt.

Die dritte Staffel von Twin Peaks läuft parallel zur US-Ausstrahlung immer in der Nacht vom Sonntag auf Montag auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket sowie ab 25. Mai ab 20.15 Uhr wahlweise auch auf Deutsch auf Sky Atlantic HD. Die ersten beiden Staffeln kann man auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket sehen sowie bei Amazon und Watchever.