"Christian, die drehen hier jetzt 'nen Film mit echten Gangstern und so. Kannst du klären, dass wir da mitmachen, bitte ja? Da kann man sicher viel Geld verdienen." 4 Blocks, die Serie über einen kriminellen arabischen Clan in Neukölln, war schon lange vor ihrer Ausstrahlung im Mai ein Thema auf den Straßen des Viertels. Die Jungs, die mich darauf ansprachen, hingen auf der Sonnenallee ab und träumten von Hollywood in Neukölln.

Alle von ihnen hatten Knasterfahrung, worauf sie abwechselnd stolz waren und sich dafür schämten; am liebsten wären sie Gangster von Beruf, falls das nicht klappt, gern auch Polizist. In der Welt der Gangs von Neukölln wird vieles umgedreht, manchmal auch die Realität. Diese Wirklichkeit mit all ihren Widersprüchen haben die Macher von 4 Blocks sehr authentisch dramatisiert. Vieles von dem, was in der Serie zu sehen ist, kenne ich aus eigener Erfahrung. Die entgrenzte Brutalität, das "Scheißen auf den deutschen Staat" und eine oft überbordende Herzlichkeit. Für meinen Dokumentarfilm Gangsterläufer und das Buch In den Gangs von Neukölln habe ich zehn Jahre in Neukölln gelebt und recherchiert. Ich bin in die Gangs eingetaucht, in das arabische Familienleben, ich war in den Flüchtlingslagern im Libanon, habe in den Elendsvierteln von Beirut gedreht und Hunderte Stunden in Berliner Jugendstrafanstalten und Männerknästen verbracht, um Interviews zu führen.

Was ich dort erlebt und erfahren habe, findet sich in den sechs Episoden der Neuköllner Gangster-Serie erstaunlich detailgetreu wieder. Fast jedes Mitglied der fiktiven arabischen Großfamilie Hamady aus 4 Blocks hat sein Pendant in der Wirklichkeit, viele Konflikte existieren tatsächlich in den kriminellen Clans. Zum Beispiel der Bruderkrieg, den der ältere, gemäßigtere Ali "Toni" Hamady (Kida Khodr Ramadan) und der jüngere und skrupellose Abbas (Veysel Gelin) austragen. Oder Tonis Ehefrau Kalila (Maryam Zaree), die aus Resignation über die kriminellen Geschäfte ihres Mannes den Islam als Trost für sich entdeckt und – wie seit einiger Zeit wieder viele junge Muslimas in Neukölln – plötzlich wieder Kopftuch trägt. Selbst Frauen wie Abbas' osteuropäische Freundin mit Rotlichtvergangenheit gibt es in Wirklichkeit.

Christian Stahl, Jahrgang 1970, ist Autor, Regisseur und Kommunikationsberater. Er arbeitete als Hörfunk-Korrespondent und Moderator für die ARD in Berlin, bevor er 2005 seine Firma Stahlmedien gründete. 2010 drehte er den preisgekrönten Dokumentarfilm "Gangsterläufer", auf den 2014 sein Buch "In den Gangs von Neukölln" folgte, das von der "FAZ" zum "Sachbuch des Jahres" gekürt wurde.  © Oliver Kern

Genauso wie eine ebenso leidenschaftlich wie aussichtslos kämpfende Polizei, die mit den behördlich erlaubten Mitteln keine Chance hat gegen das geschlossene System der Clans. Denn der Ehrenkodex der Gangs macht Zeugenaussagen fast unmöglich. Das erfährt in der Serie auch der deutsche V-Mann Vince (Frederick Lau), dessen Figur es in der Wirklichkeit nicht geben würde. Ein Deutscher als Familienmitglied eines Clans ist absolut unwahrscheinlich. Das, was Vince und seine fiktiven Kollegen in der Serie erleben, kennen die echten Polizisten dagegen aus ihrer täglichen Arbeit. Mehrere Berliner Ermittler, die anonym bleiben möchten, sagten mir, im Falle einer Aussage würden selbst gegenüber "den engsten Angehörigen" Repressalien verhängt. Da aber auch die Opfer den deutschen Behörden skeptisch gegenüberstünden, weil sie "hier nie angekommen sind und sich nur auf ihre eigenen hier aufgebauten Strukturen verlassen", könne man sie als Zeugen "absolut vergessen".

4 Blocks ist benannt nach den kriminellen Koordinaten des Bezirks um Sonnenallee und Hermannstraße, doch die Serie benennt auch die "vier Blöcke", die dazu geführt haben, dass ein ganzes Viertel in die Kriminalität abgleiten konnte.

Erster Block: Abgrenzung

Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan, re.), Vince (Frederick Lau, Mitte) und Abbas Hamady (Veysel Gelin) © TM & © Turner Entertainment Networks, Inc. A Time Warner Company / Foto: Hans Starck

Im Auto von Toni Hamady. Nacht. Toni zeigt seinem früheren Kumpel Vince, einem Deutschen, seinen Kiez.

Vince: Mädchen, Casinos, Koks, Schutzgeld: Deine 4 Blocks.

Toni (nickt): Meine 4 Blocks.

Vince: Ist doch gut. Haste geschafft.

Toni: Nein, hab ich nicht. Ich hab gar nichts geschafft.

Auch wenn es für deutsche Ohren seltsam klingt. Die Sehnsucht, dazuzugehören zu Deutschland und zur deutschen Gesellschaft, ist in den Gangs von Neukölln stark ausgeprägt. Diese Sehnsucht habe ich auch bei den arabischen kriminellen Jugendlichen erlebt, die sich längst vom System abgewandt hatten. In all der Wut, die die selbsternannten Gangster von Neukölln in sich tragen, in all dem Machogehabe und dem brutalen Auftreten schwingt diese unausgesprochene Sehnsucht mit, einer von uns zu sein. Es ist wie ein Heimweh nach einer Zukunft, in der das Land, in dem du geboren oder groß geworden bist, dich nicht mehr als fremd oder falsch ansieht.

Um es an dieser Stelle einmal klar zu sagen: Die fiktiven Hamadys und die echten Clans in Neukölln sind Täter und nicht Opfer. Es handelt sich um Schwerkriminelle, die hinter Gitter und nicht in einen Integrationskurs gehören. Dafür ist es bei ihnen inzwischen zu spät. Kein Flüchtling muss kriminell werden, dafür gibt es auch viel zu viele nicht kriminelle arabische Familien in Neukölln. Aber: Egal ob Gangster oder Manager, Musterschüler oder Intensivstraftäter: Alle Menschen mit palästinensischer oder anderer arabischer Herkunft, die ich in den zehn Jahren Recherche getroffen habe, wissen, was Diskriminierung und Ausgrenzung heißt. Und kennen die Demütigung, wenn man in dem Land, in dem man groß geworden ist, nur geduldet wird.

Zweiter Block: Duldung

Endlich eine Aufenthaltsgenehmigung: Toni und seine Frau Kalila (Maryam Zaree) fallen sich in die Arme. © TM & © Turner Entertainment Networks, Inc. A Time Warner Company / Foto: Hans Starck

Bei der Ausländerbehörde. Toni und seine Frau Kalila suchen ängstlich und nervös den Blickkontakt mit der Sachbearbeiterin. Diese blickt mit prüfenden Blick und gerunzelter Stirn auf die Unterlagen. Sie tippt etwas in den PC. 

Sachbearbeitern: Sooo … Das sieht doch gut aus … Alles beisammen!
Toni: Nach 26 Jahren Warten – da sollte schon alles komplett sein.
Sachbearbeiterin: (lacht) 26?!
Toni (versucht zu scherzen): Da waren sie noch gar nicht geboren oder?
Sachbearbeiterin: Ja ... Tatsache …

Verlegenes Lachen

Die fiktive Szene von Toni und Kalila Hamady in der Ausländerbehörde ist für viele Familien in Neukölln Realität. Auch wenn die meisten Clan-Bosse nach Angaben der Berliner Ermittler, mit denen ich sprach, inzwischen einen sicheren Aufenthaltstitel, oft sogar den deutschen Pass haben, bleibt der Duldungsstatus ein Problem im Bezirk. Das betrifft besonders die palästinensischen oder kurdischen Flüchtlinge, die als staatenlos gelten und nicht abgeschoben werden können. Ende 2016 zählte das Bundesinnenministerium 153.000 geduldete Flüchtlinge in Deutschland. Sie dürfen nicht arbeiten, nicht studieren, den Aufenthaltsort nicht verlassen. Die Duldung verlängert sich alle sechs Monate und die von ihr betroffenen Familien sind zur behördlich verordneten Perspektivlosigkeit verdonnert, häufig mehr als 15 Jahre lang.

"Ein Asylant hat mehr Rechte als wir"

Dritter Block: Frustration

Toni zu Vince: Bruder, wir dürfen offiziell kein Geld verdienen. Ein Asylant heute hat mehr Rechte als wir. Überleg mal: Wir können Deutsch perfekt. Alles. So ist das Leben.

"Ein Asylant hat mehr Rechte als wir." Dieser Satz ist ohne Detailkenntnisse des deutschen Asyl- und Ausländerrechts schwer zu verstehen, da die fiktiven Hamadys sowie die echten Flüchtlingsfamilien immer auch Asyl beantragt haben. Der große Unterschied: Syrische Flüchtlinge werden, wenn sie erst einmal registriert sind, oft innerhalb von Monaten anerkannt. Die palästinensischen oder kurdischen staatenlosen Familien kamen ohne Dokumente nach Deutschland. Da ihre Identität dadurch als ungeklärt galt und der Libanon die Flüchtlinge nicht zurück wollte, blieben sie Jahre oder Jahrzehnte geduldet, zum Teil bis heute.

Ich kenne Familien, in denen jedes Mitglied einen anderen Aufenthaltstitel hat, je nach Ermessen der zuständigen Ausländerbehörde. Das führt neben Konkurrenz und Neid zwischen den arabischen Communitys zu einem sehr hohen Frustrationspotenzial in den alteingesessenen Flüchtlingsfamilien. Davon profitieren die Gangs und die Clans von Neukölln.

Vierter Block: Staatenlosigkeit

Ein Leben lang Flüchtling: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) © TM & © Turner Entertainment Networks, Inc. A Time Warner Company / Foto: Hans Starck

Auf einem Hochhausdach in Berlin. Toni und Abbas treffen sich mit den Bossen eines anderen Clans, der die Geschäftsbeziehungen mit den Hamadys abbrechen will.

Toni: Hey Jungs, was soll das? Ich meine, wir sind Brüder! Wir sind eine Familie! Ihr könnt uns jetzt nicht hängen lassen.
Vertreter des anderen Clans: Wir sind keine Brüder. Ihr seid keine Familie. Unsere Familie hat in Beirut den Bürgermeister gestellt. Da habt ihr Ziegen gehütet. Und dann seid ihr wie Feiglinge nach Deutschland geflüchtet, um Straßenköter zu werden. Und wegen Straßenkötern verbrennen wir uns doch nicht die Finger!

So wie die fiktiven Hamadys sind in den achtziger und frühen neunziger Jahren Hunderttausende vom Krieg schwer traumatisierte Flüchtlingsfamilien aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. Anders als in der Serie behauptet sind sie keine gebürtigen Libanesen, sondern waren schon dort Flüchtlinge und haben sicher nicht den "Bürgermeister von Beirut" gestellt. Palästinenser werden im Libanon wie Menschen dritter Klasse behandelt, sie leben in den Elendsvierteln Beiruts oder in katastrophalen Flüchtlingslagern. Ich war in mehreren dieser Lager. Die Palästinenser werden dort weggesperrt hinter Stacheldraht und vom Militär bewacht, ohne Rechte, ohne Schutz und ohne Zukunft. Es ist wichtig, das zu wissen, denn die Flüchtlingsbiografien der Familien und der hohe Prozentsatz an kriminellen Clans aus staatenlosen Familien hängen eng miteinander zusammen, auch wenn ein Flüchtlingsschicksal keine Kriminalität rechtfertigt, erst Recht nicht die mafiösen Strukturen der Clans. Aber es ist wichtig genau hinzuschauen, wenn wir etwas verändern wollen.

Der "5. Block" der Kriminalität: Terror

4 Blocks schaut genau hin. Die Serie zeigt die entgrenzte Brutalität und die Allmachtsfantasien in den Clans genauso wie das eher biedere Familienleben in ihren vier Wänden. Die Gangstergeschichte ist ziemlich dicht dran an der verwirrenden Wirklichkeit, die ich selbst erlebt habe. Die große Resonanz, die die Serie in Deutschland, aber auch international (Kida Ramadan hat auf dem Serienfestival in Paris den Darstellerpreis bekommen) erhalten hat, zeigt, dass das Thema krimineller Einwanderer einen Nerv getroffen hat.

Die Serie thematisiert, wie die Hemmungslosigkeit der Clans einerseits und die verfehlte Integrationspolitik und das Wegschauen der Behörden andererseits dazu geführt haben, dass ein ganzer Bezirk in die Kriminalität abrutschen konnte und die Clans so eine große Macht gewinnen konnten.

Doch wir machen genau jetzt dieselben Fehler schon wieder. Wir schauen zu, wie sich ein "5. Block" der Kriminalität etabliert – in Neukölln, aber auch in vielen anderen deutschen Städten. Über 50.000 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, die meisten von ihnen junge arabische Männer, sitzen in den Flüchtlingsunterkünften fest, haben nichts zu tun, brauchen aber dringend Geld für ihre Familien. Die Behörden wissen das längst. Schon im September 2016 bestätigte das Innenministerium NRW, dass durch Salafisten "in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 100 Mal versucht wurde Flüchtlinge anzuwerben". Die Neuköllner Ermittler erzählen Ähnliches. Sie sprechen vom Komplettversagen der Verwaltung, dass es dringend eine einheitliche Registrierung von Geflüchteten schon an den Außengrenzen Europas geben müsste, zum Beispiel durch einen Fingerabdruck.

Menschen, die völlig orientierungslos hier ankommen und in Sporthallen und ehemaligen Flughafenhallen eingepfercht werden, seien eben "vortreffliche" Opfer, sagen die Ermittler. Die jungen Männer, die der IS anwirbt, haben oft als Drogendealer angefangen. So wie der tunesische Kleindealer, der vor ziemlich genau einem Jahr, an einem heißen Julimontag 2016, von der Polizei beobachtet wurde, als er in einer Neuköllner Kneipe von einem Fremden angesprochen wurde. Was an diesem Tag besprochen wurde, wissen wir nicht. Den Namen des jungen Mannes dagegen kennen wir: Anis Amri.

Die sechs Folgen von 4 Blocks werden vom 21. bis 28. Juli auf TNT Serie wiederholt. Nonlinear ist die Serie bei Sky, Vodafone Kabel Deutschland, Entertain und Unitymedia abrufbar.